Die Kanadierin Annick Giroux ist durch und durch Metal und eine der wenigen Frauen, bei der ich mit Bestimmtheit sagen kann, dass sie ein absoluter Maniac ist. Sie ist in verschiedensten Bereichen in der Metal-Szene aktiv, unter anderem war sie...

Die Kanadierin Annick Giroux ist durch und durch Metal und eine der wenigen Frauen, bei der ich mit Bestimmtheit sagen kann, dass sie ein absoluter Maniac ist. Sie ist in verschiedensten Bereichen in der Metal-Szene aktiv, unter anderem war sie Herausgeberin des Fanzines "Morbid Tales" und legt als DJ Satannick in einer Bar in Montreal regelmässig ihre Vinyl-Alben auf. Aufsehen erregt hat die 24-Jährige als Buchautorin; sie sammelte weltweit von Bands deren einheimische Lieblingsrezepte. Das Endprodukt namens "Hellbent for Cooking" ist ein einzigartiges, schön aufgemachtes und sehr empfehlenswertes Kochbuch. Doch anscheinend reicht das Annick an Aktivitäten nicht aus; bei der Doom Metal-Band Cauchemar ist sie zudem als Sängerin tätig.

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Welchen Stellenwert hat Metal in deinem Leben?

Annick: Metal IST mein Leben! Seine Präsenz ist jeden Tag gross... Ich wache mit Metal-Riffs in meinem Kopf auf, stelle fürs Frühstück Metal in der Stereoanlage an, höre Metal bei der Arbeit und dann komme ich nach Hause und arbeite an Metal bezogenen Projekten. Metal hat mir auch ernsthaft dabei geholfen, mich zu dem zu machen, was ich heute bin. Durchs Lesen von Songtexten und das Schreiben mit Metal-Brieffreunden habe ich ziemlich gut Englisch gelernt.

Was drückt Metal für dich aus?

Annick: Offensichtlich ist es das beste Underground Subgenre der Musik. Aber für mich ist es auch eine Lebensart. Es ist merkwürdig, darüber zu schreiben, da es einfach so selbstverständlich geworden ist, verstehst du? Es bedeutet an Shows zu gehen, Konzerte zu organisieren, Bands zu unterstützen indem man ihre Aufnahmen und/oder ihren Merchandise kauft, Fanzines zu schreiben, in einer Band zu spielen, wie verrückt Party zu machen, Kassetten und Aufnahmen zu tauschen, einen Kater zu kriegen, Leute über GUTE und wahre Metal-Bands aufzuklären etc. Wie die kanadische Thrash Metal Band Razor es so schön gesagt hat: "I pledge to keep it alive, I promise metal will thrive, I swear myself to the cause, I'll teach all the metal laws".

Wie ist dein Werdegang als Musikerin?

Annick: Ich begann mit acht Jahren Gitarre zu spielen. Damals war es natürlich eine winzige Akustik-Gitarre, aber ich hatte doch einen Gitarren-Lehrer und lernte die Grundlagen des Musizierens. Meiner ersten Band bin ich als Bassspieler mit zwölf Jahren beigetreten. Wir spielten Covers von Black Sabbath und schrieben unsere eigenen, primitiven Punk-Songs. Rückblickend muss ich sagen, dass wir wirklich schrecklich geklungen haben!
Ich habe dann in diversen Nicht-Metal-Bands gespielt, bis ich der Thrash Metal Band Exterminator aus Ottawa beigetreten bin. Ich war zu dieser Zeit etwas über 16 Jahre alt. Wir spielten zwei Konzerte und haben uns dann aufgelöst, ohne jemals etwas veröffentlicht zu haben. Danach habe ich fünf Jahre lang in keiner Band gespielt; ich habe mich auf die Schule und andere Party-Aktivitäten konzentriert (lacht). Dann habe ich angefangen Bass zu spielen in dem Projekt, das schlussendlich zu Cauchemar wurde. Wir hatten viel Zeit mit der Suche nach einem Sänger verbracht, bis wir es aufgegeben haben und ich stattdessen den Platz am Mikrofon übernommen habe.

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Wie bist du zum Metal gekommen?

Annick: Ich entdeckte Metal als ich elf Jahre alt war. Damals hat mir ein vietnamesischer Brieffreund, der in Belgien lebt, einige kopierte Kassetten geschickt. Darunter war auch X-Japans erstes Album "Vanishing Vision". Ich war von der ersten Minute an komplett begeistert als diese Maschinengewehr-Riffs und das Speed Metal Drumming gehört habe. Ich habe diese Kassette so oft angehört, dass das Band innen drin langgezogen wurde und die Lieder laaaaangsam wurden (lacht). Daraufhin habe ich Jahre damit verbracht, guten Metal zu suchen. Ich entdeckte viel durch Freunde, aber auch viel durchs Lesen von Magazinen.

Ist es dir wichtig, dass du nicht nur Konsument bis, sondern auch aktiv in der Szene tätig bist?

Annick: Für mich ist es das, weil Metal eine "Krankheit" ist und ich das Verlangen fühle, diese so weit wie möglich zu verbreiten. Darum versuche ich natürlich so aktiv wie möglich in meiner lokalen Metal-Szene zu sein. Es ist wichtig, den Bands, die es verdienen, eine Unterstützung zu geben.

Metal ist männlich – würdest du dieser Aussage zustimmen?

Annick: Metal ist sehr Testosteron-getrieben. Die meiste Zeit ist die Musik brutal und sehr hart, die Symbolik ist kriegsähnlich, die Leute tragen Nieten und Leder (was von den maskulinsten Orten von allen stammt: Schwulen Bondage Clubs) und die Konzerte sind voll von Schweissgeruch und biergetränkten Böden – nicht das was wir alle eine feminine Atmosphäre nennen (lacht).

Wie ist selbst dein Bild von Frauen im Metal?

Annick: Eine Frau, die auf richtigen Metal steht, ist grossartig! Scheiss auf diejenigen, die Metal nur der Aufmerksamkeit wegen hören!

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Es gibt einige Metal-Bands mit sexistischen Songtexten, die manchmal sogar frauenverachtend sind. Was denkst du, woher das kommt?

Annick: The Mentors haben sehr sexistische Songtexte, aber gleichzeitig finde ich sie wahnsinnig unterhaltend. Eine gute Mitsing-Band für Partys, allerdings sollte man sie natürlich nicht ernst nehmen.
Vielleicht hassen diese Jungs Frauen, weil sie von ihnen in der Vergangenheit enttäuscht wurden. Sie könnten sie möglicherweise aber auch fürchten, oder vielleicht geht es noch tiefer als das und hat etwas mit Ihren Müttern zu tun (lacht). Wer weiss!

Fühltest du dich innerhalb der Metal-Szene schon einmal nicht ernst genommen oder nicht akzeptiert aufgrund deines Geschlechts?

Annick: Das einzige Mal, dass das passierte, war als ein Typ mich fragte, wo der DJ sei, während ich hinter meinem DJ-Pult stand. Das war so ziemlich alles. Ich schätze, dass ich Glück habe, da Sexismus hier in Montreal nicht üblich ist. Hierfür hat es in der Gegend zu viele Frauen im Metal.

Wie wirst du speziell als Musiker im Metal beurteilt? Merkst du, dass man aufgrund des Geschlechts einen Unterschied macht und dass viele Klischees vorhanden sind?

Annick: Die Leute behandeln mich nicht anders als wie sie einen Mann behandeln würden. Ok, vielleicht verurteilen sie mein Aussehen ein wenig, da man meint, dass Frauen sexy und perfekt aussehen müssen. Aber ausser in diesem Punkt gibt es überhaupt keine Probleme.

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Was denkst du, warum gibt es eigentlich viel mehr Männer als Frauen im Metal?

Annick: Weil als die Mädchen mit ihren Barbies gespielt haben, haben die Jungs mit Autos gespielt. Als die Mädchen älter wurden, haben sie angefangen sich zu schminken und haben gelernt, wie man Kontakte knüpft. Die Jungs sind zu Hause geblieben, spielten Videospiele und haben angefangen Musikinstrumente zu spielen. Es ist einfach eine natürliche Entwicklung, nehme ich an. Frauen werden nicht naturgemäss zu diesem Subgenre hingezogen. Die meiste Zeit marginalisiert sie etwas, vom Metal angezogen zu werden. Zumindest ist es das, was ich denke, dass es passiert.

Es heisst ja, dass Frauen im Metal sich oft bewusst männlich geben, um besser akzeptiert zu werden. Hast du niemals das Gefühl, etwas von deiner Weiblichkeit zu unterdrücken?

Annick: Ich selbst habe mich nie wirklich ultra weiblich angezogen oder mich so verhalten. Ich wurde nie von glitzernden Farben angezogen oder von Mode im Allgemeinen und somit musste ich nie meine Weiblichkeit "unterdrücken". Ich habe Frauen getroffen, die damit aufgehört haben, einfach Jeans und T-Shirts zu tragen, und stattdessen anfingen Kleider anzuziehen, die sexier sind. Das ist ihre Entscheidung! Ich selbst benehme mich einfach so wie ich bin. Mein Ehemann hat mich so getroffen und mich in meiner Art und Weise akzeptiert. Ich habe nichts zu beweisen. Ausserdem ist, das, was unter der Kleidung ist, weiblich (lacht).

Inwiefern unterscheiden sich Metal-Frauen von solchen, die nicht diese Musik hören?

Annick: Nicht so sehr, aber sie tendieren dazu, mehr zu trinken und natürlich an Konzerte und in Metal-Bars, anstatt in Tanzclubs zu gehen. Sie sind generell auch weniger oberflächlich als normale Frauen, aber einige Metal-Mädels sind trotzdem vollkommen hohl.

Thema "weibliche Reize": Findest du es okay, wenn Metal-Musikerinnen sie einsetzen, oder ist dies für die Akzeptanz/Gleichstellung schädlich?

Annick: Ich höre keine Bands, die sexy Frauen als Sängerinnen haben. Die meisten von diesen Mädels sind sowieso noch nicht einmal Metal.

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Können Frauen genau so Metal sein wie Männer?

Annick: Selbstverständlich, ich kenne ein gutes Duzend Metal-Frauen, das weit mehr Metal ist als die meisten Metal-Männer, die ich getroffen habe.

Gibt es Metal-Band mit Musikerinnen, die du gut findest und auch weiter empfehlen kannst?

Annick: Definitiv! Es gibt so viele gute:
Klassischer Heavy Metal: Girlschool, Santa, Christian Mistress
Speed Metal: Acid, Warlock, Détente, Znöwhite
Death Metal: November Grief (eine TRUE Frauen Death Metal Band von Montreal), Slaughter Strike, Bolt Thrower, Nuclear Death
Black Metal: Demonic Christ
Doom Metal: Rituals Of The Oak, Reino Ermitano, 13, Electric Wizard, Blood Ceremony
Andere: After The Bombs

Annick, ich danke dir vielmals für das ausführliche und interessante Gespräch.

Annick: Danke für das Interview, Tanja! Ich hoffe, dass dieses Interview einige "Headbangerettes" inspirieren wird.