18.08.07

Endlich wieder Netzzugang: die Anreise in den Norden

Da wir die letzten Tage Internetlos glücklich verbracht haben, kriegt ihr das Komplettpaket in einem Stück:

Uns ist beinahe ein Kaltstart mitten ins Feuer geglückt. Kaum zweihundert Meter von Embrach entfernt ergab sich eine brenzlige Konstellation mit einem 30ig-Tönner, der sich beim Zirkuszeltverräumen ausschliesslich auf die Hinterseite seines Camions konzentrierte, währenddem er - als sei er eine zermürbende Doomlavine - vorwärts im Schritttempo auf uns zurollte. Erst nach mehrfachen Hupbemühungen meinerseits lokalisierte er das Problemfeld der Situation entsprechend und leitete sein dezentes Bremsmanöver ein und verhinderte gerade noch eine ungemütliche Tobsucht meinerseits.

Danach hiess es endgültig „volle Fahrt gen Norden!“. Rund 450 Kilometer und einige Stunden später verdrückten wir ein paar Sandwichs auf einem mehr oder weniger gemütlichen, weil Fliegenüberfluteten, Rastplatz, um danach unser eigentliches Tagesziel Hannover anzupeilen. Gesagt getan und viel zu früh am Ziel entschieden wir uns noch weiter zu fahren. Erst nach Hamburg wurde uns bewusst, dass es schwierig sein würde, um diese Zeit – es war mittlerweile gegen zwölf Uhr nachts – noch eine Unterkunft zu finden. Dass dieser dringliche Umstand sich zum Highlight entwickeln würde, stand zu diesem Zeitpunkt noch offen. Nach Lübeck entschlossen wir uns irgendwo in der Pampa eine Unterkunft zu suchen.

Der Ort unserer Wahl nennt sich Neustadt und hat mit neu sehr wenig zu tun. Wir setzten all unsere Hoffnung auf dieses idyllische Städtchen mit Nordseeanschluss und – wie sich spätere herausstellte gerade einmal drei Hotels. Das erste umfuhren wir auf Grund des Eindrucks, dass dort bestimmt nichts mehr los ist, grosszügig. Beim zweiten erhellte sich auch nach mehrmaligem Klingen kein Licht an der Rezeption und das dritte haben wir gar nicht erst gefunden. So begaben wir uns – bereits mit einer ungemütlichen Nacht im Auto rechnend – in das erstbeste Restaurant am Hafen und fragten nach einer Schlafgelegenheit. Doch erst beim zweiten Restaurant, an das wir verwiesen wurden, kam so etwas wie Hoffnung auf: Nach dem uns der urchige Barmann in freundlichem und leicht angeheitertem Norddeutsch erklärte, dass es schwierig werden würde meldete sich der noch viel urchigere und noch angeheitertere letzte Gast zu Wort, er hätte noch eine Koje frei. Ein, zwei Blickwechsel zwischen Anita und mir später, war uns klar, dass wir nicht ganz genau wussten, was er meinte - einen wirklich seriösen Eindruck machte er in seinem Zustand ohnehin nicht. Schliesslich entschlossen wir uns in der dezenten Notlage, dem Mann zu folgen und der Lage vor Ort ein Auge zu schenken. Mit einer „Koje“ hat der Seemann tatsächlich das gemeint, wonach es sich anhört. Das stattliche und einhundertdreissig Jahre alte Segelschiff mit dem passenden Namen „Jagt Norden“, welches sein Skipper, dessen Familie und er betrieben machte einen überaus abenteuerlichen Eindruck. Der Charme des historischen Dreimasters und die wohlwollende norddeutsche Gastfreundlichkeit überzeugten uns, für etwas mehr als ein Trinkgeld die Nacht vor Anker auf der See zu verbringen. Und so kamen Anita und ich zu einer unvergesslichen Nacht in einem Schiff, in dem schon vor über hundert Jahren Piraten und Fischer hausten sowie ihrem Skorbut erlagen.

Nach einem gemütlichen Piratenfrühstück, waren es nur noch ein paar Meter bis zur Insel Fehmarn von der uns die Fähre nach Dänemark überführte. Nach dem 45-minütigen Transfer wechselte die Währung von Euro in DKK und die Preise stiegen von angemessen ins Unermessliche. Einen ersten Eindruck davon, dass uns in Kopenhagen astronomische Preise erwarten würden, vermittelte uns die Rezeption des Radisson **** – dem Hotel der Wahl derjenigen, die es haben – mit ihrer Preisauskunft. Bescheiden zogen wir uns zurück in die moderatbepreiste Jugendherberge.

Die Stadtbesichtigung ergab folgenden Eindruck: Der Freizeit- und Vergnügungspark Tivoli ist ein absolutes Muss. Achterbahn, Freifallturm und Monsterkarussell auf halber Höhe des Eiffelturms sind eine wirkliche Attraktion. Die Essenspreise sind allerdings massiv überteuert. Das Viertel um Nyhavn ist ebenfalls überaus sehenswert und mehr als nur einen Abstecher wert. Danach setzten wir unsere Besichtigung auf Grund der wechselhaften Witterung im Guiness-Museum fort, wo uns allerlei bedeutende und weniger bedeutende Rekorde verblüfften.

Kopenhagen im Rücken und das Meer unter den Füssen: Wir sind auf der Öresundbrücke und befahren erstmals schwedischen Beton. Schneller als erwartet sind wir in Malmö und halten uns an die geplante Nordrichtung. Keine Frage, dass wir beim ersten Elchsafari-Park anhalten und innerhalb von zwei Stunden rund ein halbes Dutzend Elche ablichten. Weniger klar war, dass wir uns auch beim nächsten Elchpark wiederum einen Halt gewähren: Denn jetzt ist füttern und anfassen inklusive. Die nächste Station waren die nahe gelegenen Hügelgräber und Runensteine aus dem neunten Jahrhundert, die auch heute noch in faszinierender Mystik ihre Energie ausbreiten.

Ein paar Elche und einige Kilometer später finden wir uns an einem unglaublich schönen und verlassenen See wieder. Hier ist die Natur noch das, was sie einst war. Einsamkeit erhält eine komplett neue Dimension. Wie schnell das Wetter hier oben umschlägt hat man direkt kommen sehen: Die Regenfront näherte uns in deutlich sichtbarer Weise, so dass wir unseren Halt am Ufer jäh unterbrochen haben und der wohnlichen Unterkunft entgegen fuhren.

Ein ausgiebiges Frühstück mit Ei, Cornflakes, Toast und vielem mehr versprach: Dies wird ein herrlicher Tag werden. Schnurstracks liessen wir die Räder in Richtung des Westernparks „High Chaperral“ in der Nähe von Hillerstorp mitten im Herzen Smalands rollen. Wald, See, Wald heissen die passenden Nomen zum eingeschlagenen Weg – Cowboy, Indianer und Mexikaner diejenigen zum Park. Neben einer beeindruckend detaillierten Kulisse überzeugen insbesondere die Shows im Park. Besonders die Indianer mit ihren Ritualtänzen haben es mir angetan. Passend zu ihrem Regentanz setzte dann auch der sechshundertvierzigste Wetterumschlag zum Grossangriff an. Da das Wetter jedoch nach ein paar Minuten jeweils wieder ins Positive wechselt, ist ein kurzer Regenguss zusammen mit faszinierenden Wolkenspielen gerade willkommen.

Als wir uns gegen Abend nach einer Unterkunft umsahen, kamen wir an einer scheinbar komplett verlassenen Jugendherberge mit angeblich über 120 Betten vorbei. Schon der erste Eindruck schien uns etwas seltsam, war doch alles irgendwie religiös angehaucht. Auch das riesige Gelände ohne eine einzige Menschenseele machte einen gespenstischen Eindruck. Ob hier alles schon geschlossen ist? Wir folgten den Wegweisern in Richtung Rezeption, wo uns zu unserer Überraschung eine offene Tür und eine leere Theke begrüssten. Nach einigen Warteminuten näherte sich eine etwas neben den Schuhen stehende junge Dame, der wir unser Anliegen näher brachten. In überfreundlichem, aber stillen Ton erwiderte sie uns in ihrem Schwenglisch, dass sie sich erkundigen würde, ob etwas frei sei. Natürlich ist hier etwas frei, dachten wir uns – es war ja keine Menschenseele in diesem riesigen Gelände zu sehen. Doch weit gefehlt: Es sei alles voller Konfirmanden. Wenn das nicht irgendeine weit her geholte Ausrede war, um zwei schwarz gekleidete und böse dreinblickende Gestalten loszuwerden…

Auf alle Fälle haben wir uns nun etwa vier Kilometer südlich unseres eigentlichen Ziels Jönköping in einer Jugendherberge niedergelassen, wo wir das letzte noch freie Doppelzimmer belegen. Und obwohl der direkte Weg nach Jönköping rund 1650 Kilometer lang wäre, zeigt der Kilometerstand schon beinahe 1900 km an. Dies zeigt: wir geniessen die unzähligen Irrwege durch die Wälder an den Seen vorbei und gönnen uns den einen oder anderen Abstecher…


Gespeichert unter: Im Norden — Morgenstern, 23:05:58 Kommentar schreiben


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