18.01.08

Im Norden - ein Fazit

Mittlerweile bin ich seit bald einem Monat wieder in der Schweiz und es ist Zeit, ein Fazit über ein knappes halbes Jahr Schweden zu schreiben.

Schweden
Schweden ist landschaftlich traumhaft. Wenn man durch die unendlichen Wälder streift und unverhofft auf kleine Seen trifft oder wenn man Hügel erklimmt und unendliche Weiten ohne jegliche Menschenseele sichtet, dann spürt man die Schönheit der Landschaft richtiggehend. Wer also gerne im Wald wandert, Seen und Wäldern sowie die einsame Stille liebt, wird sich in der Natur Schwedens sehr schnell wohl fühlen. So kann es derweil passieren, dass man unverhofft eine Leidenschaft fürs Fischen entwickelt, denn die fischreichen Gewässer Schwedens und die idyllischen, unzähligen Seen verleiten dazu, immer wieder in die Natur zu fliehen. Wenn man Glück hat, trifft man bei Dämmerung im nördlichen Gebiet auf zahlreiche Wildtiere. Um einen frei lebenden Elch zu sehen, braucht man allerdings Geduld und Glück. Das Klima ist dabei im Süden dank dem Golfstrom nicht sehr viel kühler als in der Schweiz. Die Sommer sind durchaus mild und auch im Dezember sind die Temperaturen noch mit denjenigen hier zu vergleichen. Im Norden dagegen ist es mehr als zehn Grad kühler im Schnitt – warm anziehen ist auch im Sommer keine schlechte Idee.
Jenseits der Natur, fällt vor allem auf, dass die Distanzen viel grösser sind. Es kann auch im passieren, dass man 100 Kilometer durch den Wald fährt, ohne auf ein einziges Dorf zu stossen. Kartenmaterial ist also immer eine gute Idee und auch genügend Benzin ist von Vorteil. Damit ausgerüstet, kann man allerdings sehr viel erleben und ein spannendes Land entdecken. Neben historischen Gebäuden – Ruinen, Klöster und Schlösser – sind vor allem die Städte Göteborg, Malmö und Stockholm interessant. Aber auch als Ausgangspunkt für die Erkundung anderer skandinavischer Länder ist das zentrale Schweden optimal geeignet.
Die meisten Schweden sind sehr weltoffen und sprechen zu über 80 % englisch. Insbesondere wenn Alkohol im Spiel ist, tauen die sonst etwas zurückhaltenden Schweden rasch auf. Die sonst höflichen und eher distanzierten Leute wissen dann auf einmal richtig gut, was es heisst, eine Party zu machen. Diese amüsante Seite des Lebens kommt bei einem Austausch in Schweden garantiert nicht zu kurz.
Das Bildungssystem Schwedens ist insgesamt sehr sozial und auf Chancengleichheit ausgerichtet. Bis zur achten Klasse werden keine Noten verteilt und auch erst danach gibt es eine Einteilung in genügend, gut oder sehr gut. Ist ein Schüler in einem Fach nicht genügend, erhält er keine Note. Die Tatsache, dass über 90% nach den obligatorischen neun Schuljahren in ein dreijähriges Gymnasium wechselt, zeigt, dass man Chancengleichheit sehr hoch schätzt. Allerdings führt dies auch dazu, dass Leute ein Gymnasium besuchen können, die in der Schweiz auf Grund ihrer Leistungen nie an ein Gymnasium denken könnten. Die Gymnasien haben dabei einen sehr unterschiedlichen Ruf und dementsprechende Qualität. Um auf ein gutes Gymnasium zu gelangen, ist ein guter Schnitt notwendig. Bei den Universitätsstudien wird je nach Studiengang anschliessend ebenfalls ein Auswahlverfahren im Stile des Numerus Clausus durchgeführt. Dennoch beginnt ein Grossteil der Gymnasiumsabgänger ein Studium. Aber auch auf der Universitätsstufe findet man durchaus Leute, die weder die geistige noch die soziale Kompetenz haben, ein Studium erfolgreich zu absolvieren. Hierbei hat der Selektionsmechanismus versagt. Die gut gemeinte Chancengleichheit führt nicht zu letzt zu einer Niveausenkung. Die praktische Unwichtigkeit der Noten führt zu Minimalismus der Studenten. Dazu kommt, dass in Schweden unabhängig vom Einkommen der Eltern Studiengeld beantragt werden kann. Dies führt dazu, dass einige Studenten, lediglich das Geld kassieren und sich kaum für ihre studentischen Pflichten engagieren.

Jönköping
Jönköping liegt am nördlichen Rand von Småland, im Herzen Südschwedens am Vätternsee. Mit den rund 85′000 Einwohner ist die Stadt eher überschaubar und provinziell. Dennoch versprüht sie einen gemütlichen Charme und bietet alles, was man braucht. Als Ausgangspunkt für Ausflüge in das ganze Land und insbesondere für Småland ist Jönköping geradezu prädestiniert. Mit dem Bus oder dem Auto ist man in weniger als drei Stunden in Göteborg, Stockholm, Malmö oder Kopenhagen. In der Region, insbesondere im beliebten Feriengebiet Småland findet man zahlreiche Ausflugsziele direkt vor der Haustür. Besonders Empfehlenswert sind neben den erwähnten Städten die Stadt Eksjö, Skurugata – ein unglaublicher Aussichtspunkt über ganz Småland, der Store Mosse Nationalpark, der Western-Freizeitpark High Chapperal, das Bergwerk Kleva Gruva, Isaberg – ein Zentrum für Aktivitäten jeglicher Art, Taberg – ein Aussichtspunkt über den Vättern, das Naturparadies und historische Erlebnis Öland und die Vätterninsel Visingsö. Es ist auf Grund der unzähligen Möglichkeiten empfehlenswert bei einem Herbstsemester schon einige Wochen früher anzureisen oder im Sommersemester länger zu bleiben, um das Land in vollen Zügen geniessen zu können. Denn es kann durchaus vorkommen, dass die Ausflugsziele nach Mitte August bereits geschlossen haben und sich Schweden dem berüchtigten Winterschlaf hingibt. Empfehlenswert ist es auf alle Fälle, ein eigenes Auto mitzunehmen, falls dies irgendwie möglich ist. Die Anreise von rund 1600 Kilometer ist in zwei Tagen gut zu bewältigen und man hat sehr viel von einem Auto in Schweden. Zwar sind im Fernverkehr die Busse und die Eisenbahn gut organisiert, allerdings ist man bei vielen Dingen ganz einfach flexibler mit einem eigenen Auto und kann so die wirklich schönen, vielleicht versteckten Seiten Schwedens unabhängiger entdecken.

Fazit
Der Austausch in Schweden war für mich in persönlicher Hinsicht ein voller Erfolg. Die Kontakte zu den internationalen Studenten werden bestimmt ein Leben lang halten. Die Wahl Jönköpings als Standort bot einen idealen Ausgangspunkt für Ausflüge nach ganz Skandinavien. Die Universität ist sehr gut organisiert, was Wohnungen, Kurse oder Prüfungen angeht und die Studentenorganisation gibt sich enorm Mühe, das Studentenleben zu erleichtern. Dass das Niveau dabei nicht in allen Kursen mit demjenigen von St. Gallen zu vergleichen ist und dass viele Studenten minimalistisch eingestellt sind, ändert nichts daran, dass die Universität eine der besten in Schweden ist und die JIBS sich mit der Ausrichtung auf Unternehmertum und Internationalität auch im internationalen Umfeld einen guten Namen gemacht hat. Ich würde mich jeder Zeit wieder für Jönköping entscheiden.


Gespeichert unter: Im Norden — Morgenstern, 17:07:46 Kommentar schreiben


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