19.03.08

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Hype

Die Genrevielfalt im Metal war noch nie so gross wie heute. An allen Ecken und Enden kann sich heute eine Band als Erfinder eines neuen Sub-(Sub-)Genres rühmen und für jeden Musikliebhaber sollte es mittlerweile auch das richtige Sub-Genre geben. Dass hin und wieder ein solches Genre massiv Aufsehen erregt ist nur normal. Ebenso, dass die Bandzahl des Genres im Fokus der Medien explosionsartig ansteigt.

Ein Bereich, der momentan genau in diesem Fokus steht, ist die Folk/Viking/Pagan-Sparte. Der Ursprung dieser plötzlichen Popularität liegt wohl eindeutig in Finnland, genauer bei den beiden Bands Finntroll und Moonsorrow. Gerade Finntroll stehen für so manche neue Band Pate, wenn sie ihre ersten fröhlichen Melodien auf folkloristischen Instrumenten komponieren. Und da in den letzten Jahren immer mehr neue Bands gegründet wurden ist es auch nicht verwunderlich, dass mit der wachsenden Zahl von Bands auch immer mehr Klein- und Kleinstlabels wie Pilze aus dem Boden schiessen und man langsam aber sicher den Überblick über das Ganze verliert. Durch das Internet und speziell Plattformen wie MySpace hat jeder die Möglichkeit, sich eine gecrackte Version von Cubase herunter zu laden um kurzerhand ein Album aufzunehmen und ein Label zu Gründen, um das Album auch effektiv zu veröffentlichen und vermarkten. Dieses allgemeine Wachstum in Kombination mit der Unüberschaubarkeit führt dann zur Gründung von neuen Magazinen - bevorzugt Online-Magazine - in welchen dann Reviews veröffentlicht werden, die genannte Bands oftmals ohne jegliche Kritik ab der ersten Note in den Himmel und noch weiter loben.

Der genannte Hype wäre an und für sich gar nicht mal so schlimm, da normal, wäre da nicht die meist sehr durchschnittliche Qualität der Veröffentlichungen. Hier bewahrheitet sich die Theorie von exponentiell sinkender Qualität bei steigender Quantität in vollstem Masse. Doch was braucht es, um seine eigene Folk/Viking/Pagan-Metal-Band auf die Beine zu stellen? Nun, zuerst einmal einen Namen. Hierbei greifen viele Bands auf die Edda und die nordische Götterwelt zurück. Ist ein Name ausgesucht worden, beginnt die Suche nach einem geeigneten und für eine Metal-Band typischen Logo, das hierbei entweder stark mit Runen verziert wurde oder gar gänzlich aus jenen besteht. Es wird allerdings genauso gerne auf Frakturschrift zurückgegriffen. Beides vermutlich mit dem Hintergedanken, etwas Altertümliches und vor allem Traditionelles zu suggerieren. Immerhin ist eines der zentralen Themen dieses Genres das Mittelalter bzw. die Sagen und Geschichten aus jener und der vorchristlichen Zeit. Dies führt einen weiter zum lyrischen Konzept. Wie gesagt, werden meist Thematiken aus vergangenen Zeiten behandelt. So sehr ich das auch gerne kritisieren würde, ich käme mir, wäre ich in einer solchen Band, reichlich blöd vor, vom Nahostkonflikt zu singen, oder wie sehr unsere Städte immer stärker verkommen bzw. der Mensch sich seiner Verantwortung immer weniger bewusst ist. Es erfüllt irgendwo das Klischee der blinden Verherrlichung der Natur und der alten Werte und Götter und dieses hat sich unlöschbar in die Köpfe der Metal-Fans eingebrannt. Ob das gut ist, soll jeder für sich entscheiden. Ich persönlich kann auch ohne die vertonte Meinung über George W. Bush leben.

Um jetzt aber nicht noch länger darauf herumzureiten geht es wieder zurück zum lyrischen Konzept: Falls man nicht gerade englische Texte vortragen möchte, so tut man dies meist in der eigenen Landessprache. Das ist auch gut so, denn die wenigsten werden ihre eigene Sprache so gut beherrschen, dass sie sich berechtigt fühlen dürften, die Ohren anderer in einer fremden Sprache zu penetrieren. Doch genau das tun gerade viele Bands. Viele Bands, die in ihrer Muttersprache teilweise vor Pathos triefende und noch dazu grammatikalisch oftmals fragwürdige Ergüsse niederschreiben. Sie besitzen zwangsläufig mindestens einen studierten Skandinavisten, der zwei bis drei Texte, wahlweise in schwedisch, norwegisch, dänisch oder isländisch, pro Album beisteuert.

Nachdem das abgekanzelt ist, folgt die Musik. Die durchschnittliche Folk/Viking/Pagan-Band bedient sich einer breiten Instrumentierung. So findet man neben dem typischen Grundgerüst praktisch immer folkloristische Instrumente, oftmals nur im Heimatland der jeweiligen Band bekannt. Und falls sich mal niemand findet, der ebenjenes Instrument beherrscht, wird es kurzerhand mit der Wunderwaffe Synthesizer imitiert. Nicht, dass ich etwas gegen Synthesizer hätte, aber übermässiger bzw. unsachgemässer Gebrauch führt meist ohne Umwege zum Kitsch. Wenn man dann mal seine meist sechs bis neun Mann/Frau starke Truppe zusammen hat, fängt man an Lieder zu schreiben. Ich weiss nicht, ob es ein allwissendes „Handbuch der Komposition“ gibt, in welchem aufgeführt ist, wie man an welches Genre herangehen muss, aber bin ich der einzige, der sich irgendwie verarscht vorkommt, wenn er stets die selben überfröhlichen Melodien in einem Tempo, das einem fast schon Herzkammerflimmern bereitet, um die Ohren gehauen bekommt? Oder dass bei jeder Gelegenheit noch ein schwülstiger Chor eingestreut wird? Falls dann einmal auf ein Tempo von >250 bpm verzichtet wird, muss daraus selbstverständlich eine Ballade werden, die nicht minder kitschig als die Raserei ist.

Mit ein Grund für dieses Empfinden ist die brillierende Produktion dieser Tonträger. Man möge mich hier nicht falsch verstehen, ich bin alles andere als ein Purist, aber ich fühle mich, wenn ich mir ein solches Album anhöre, offen gesagt erschlagen von der Produktion. Es wird so sehr darauf geachtet, jede noch so kleine und unwichtige Note gleichermassen in den Vordergrund zu rücken, dass gar kein Hintergrund mehr bleibt. Und weil alle Instrumente ja so wichtig sind, um aktiv gehört zu werden, statt „nur“ der klanglichen Untermalung zu dienen, verkommt eine glasklare Produktion zu einem Soundsumpf. Mich reizt eine solche Produktion nur unnötig, es ist so, als hätte man übermässig viel Energie in seinem Körper und könnte sie ums Verrecken nicht loswerden bzw. abbauen. Dies in Kombination mit dem geradezu absurden Tempo führt dazu, dass mir jegliche Lust auf ein neues Folk/Viking/Pagan-Album vergeht, sobald nur das geringste Anzeichen für eine solche Klischee-Band ins Auge sticht.

Wenn es die Band dann bis hierher schon mal geschafft hat, muss natürlich ein adäquates visuelles Äquivalent her, sprich alle müssen sich mit Fellen, Schwertern, Schilden, Kettenhemden, etc. behängen, sich die Gesichter anmalen und ein paar mal böse in die Kamera schauen, während man in einem Wald posiert. Schliesslich würde sich keine Band den Spass einer Kostümparty nehmen lassen und man will die Illusion aufrechterhalten, dass die dargebotene Musik tatsächlich etwas mit mittelalterlicher Klangeskunst zu tun hätte.

Als krönender Abschluss fehlt nur noch die Öffentlichkeitsarbeit in Form von Interviews. Da es mittlerweile so viele Bands gibt, ist es für einen Interviewer umso schwerer, interessante und neue Fragen für gleich klingende Bands zu finden. Des Öfteren liest man dann auch die Frage nach der Haltung zum hier beschriebenen Hype. Viele dieser jungen Bands entgegnen dieser Entwicklung mit Sympathie, wohl auch nur aus dem Grund heraus, dass man es selbst ohne den Hype nie so „weit“ geschafft hätte. Aber ebenso gibt es sehr alte Bands, die diesen Trend weiterhin unterstützen.

Vermutlich werden sich jetzt manche denken, ich sei ein genereller Gegner dieses Sektors. Dem ist mitnichten so. Ich versuche nur, einen kritischen Blick auf diese Entwicklung zu werfen. In meinen Augen ist ein Sättigungsgrad erreicht worden, der den Zenit dieser Entwicklung darstellt. Folk/Viking/Pagan-Metal ist an der Spitze angelangt und hat einige wahrhaft grandiose Bands hervorgebracht, von denen man noch in zehn Jahren hören wird, aber das Allermeiste wird irgendwann vergessen sein und was dann übrig bleibt, sind ein paar silberne Scheiben mit Durchschnittsware.

Gerade dieses Beispiel zeigt für mich persönlich auch, dass sich Metal im Grunde genommen überhaupt nicht von der restlichen Musikindustrie unterscheidet. Metal mag zwar keine Mainstreammusik sein, aber innerhalb des Metal gibt es auch einen Mainstream und der wird heutzutage von der Folk/Viking/Pagan-Bewegung dominiert, abgesehen von den vielen Metalcore-Bands. Wie auch in der Populärmusik wird hier alles ausgeschlachtet. Es gibt praktisch jedes Utensil für den jungen Odin-Fanatiker, von klitzekleinen Thorshämmerchen bis hin zu riesigen Trinkhörnern und mehr oder weniger realistischen mittelalterlichen Waffen. Bands werden am laufenden Band ins Rampenlicht gezerrt und als „der neue Hit“ beworben. Hinzu kommen die vielen kleinen Festivals, die sich nur auf diese Musik konzentrieren.

Ich selbst bin auf die Zukunft dieser Entwicklung gespannt. Ich bin definitiv der Überzeugung, dass der Zenit erreicht ist und wer sich vor dem regelrechten Tsunami an Bands und Labels retten konnte, der kann sich glücklich schätzen. Von nun an sollte das Ganze wieder abebben und hoffentlich bleibt danach der geringe Prozentsatz an wirklich guten Bands für den Post-Folk/Viking/Pagan-Metal erhalten.


Gespeichert unter: Meinung — veritas in omnes, 20:44:47 Kommentar schreiben


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