26.11.09

Tristesse der Stadt I

Es manifestiert sich die Tristesse der Großstadt vor allem in ihren öffentlichen Verkehrsmitteln. So beispielsweise die U-Bahn. Hinunter zur Station, durch düstere, dreckige Treppenhäuser. Deine Schuhe erzeugen auf den schmalen Betonstufen ein klägliches Widerhallen in dem modernen Verlies. Es scheint kondensierter Speichel von der Decke zu tropfen, der flüssige Atem der Welt, der ganze unterirdische Gang scheint in Bewegung zu sein, alles kriecht, keucht, klagt.
Die andere Variante des Bahnhofs, die du in einer Großstadt finden kannst, verspricht rein optisch zwar eine bessere Verheißung zu sein, plagt dich aber mit anderen Faktoren mindestens genauso.
Sauber scheint es zunächst; geflieste Wände, ein nicht flackerndes, wenn auch steriles Licht. Ein paar matte Farben, vielleicht Werbeplakate. Bunte Kacheln? Kunst, die von der Decke hängt, um die Sicht auf das trostlose, feuchte Grau zu versperren? Kunst, die am Strick hängt? Kunst, die einen Zweck erfüllen soll, von der Freiheit losgerissen, greifbar gewordener Zwang, ein Käfig seiner selbst, eine Illusion für den Betrachter.
Es tummelt von Menschen. Dieser Ort scheint belebt zu sein, wirkt freundlicher durch die Massen. Aber sie dir ihre Gesichter an, sieh dir den Verfall an. Ihre Gesichter sind leer. Unterhaltungen gehen unter im Lärm des Smalltalks, gegenstandslose Wortkotze dringt aus ihrem Mündern. Auf einer Leinwand flackern dir Nachrichten entgegen, der Projektor tut sein Übriges um den Wartenden mit Informationen zu berieseln, mit Werbung. Soziologische Errungenschaft; O du optimale Platzierung dieser Leinwand! Und zwangsläufig siehst du hin. Rampenlichtmenschen bekommen Kinder, Unwetter wüten in fernen Teilen der Welt, Politiker verabschieden Abkommen. Konsumiere, konsumiere.

In der Bahn sitzt du hinten. Hinter diesem Wagen ist ein weiterer angekoppelt und durch das überraschenderweise gar nicht mal so schmutzige Fenster erblickst du ein Mädchen, es sitzt auf dem selben Platz, den auch du für dich beanspruchst, nur in ihrem Wagon. Es blickt starr geradeaus. Gelegentlich rasen Lichter vorbei, hier unten in der Dunkelheit scheinen sie von der Decke herab, rötlich. An den Wänden grünes Glimmen, Wegweiser zum Notausgang, für den unerwünschten Extremfall. Die Bahn rattert, dein Kopf schaukelt gemächlich von links nach rechts, du könntest den Nacken anspannen und das verhindern, aber du tust es nicht. Gewissermaßen entspannt, trotz der unsichtbaren Bedrohung durch alles, dein Umfeld, die unnatürliche Bewegungsenergie, die dich fortträgt, das unmenschliche Miteinander hier, wo niemand sich neben den anderen setzen will, wo eine Kreuzung der Blicke eine Verletzung der Privatsphäre ist. Konversation ist unerwünscht!
Das Rattern dringt dir in die Glieder und du siehst die schier tonnenschwere Bahn über rostige Schienen schmettern, vor deinem inneren Auge siehst du dich selbst, du siehst dich wie du sie betrachtest, die dir gegenüber sitzt und doch so fern ist.
Würdigt sie dich eines Blickes? Das tut sie nicht. Sie ist in Gedanken fern, ein süßer Eskapismus, der die Wahrheit in Rosen bettet, faules Fleisch sollte man nicht pökeln. Erkennst du in ihrem fernen Blick eine Gleichgesinnte? Doch nur eine Ameise im Volk der vielen Gleichen? Sitzt sie vor dir, die Königin unter den Ratten?
Das Licht flackert kurz und du nutzt den Moment um verstohlen die Augen zu schließen, alleinsein mit deinen Gedanken, Erholung, Stille.

[…]


Gespeichert unter: Zeugs — Schlaf, 13:42:12 Kommentar schreiben


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