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was (oder wen) liebt ihr HEUTE am meisten?

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Graf von Hindenloch
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Re: was (oder wen) liebt ihr HEUTE am meisten?

Beitrag von Graf von Hindenloch » 30.08.2021, 10:38

Torque hat geschrieben:
29.08.2021, 17:01
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maxim biller und seine zerstörung des linken kulturmarxistischen gesinnungsjuden max czollek
nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. Dann schrieb er noch: "Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen." Sehr gut, dachte ich, als ich das las, ich habe ihm wehgetan, und jetzt denkt er nach.

Auf der Terrasse der Akademie hatte Max sogar noch wütender reagiert, als ich ihn mit ein paar Sätzen aus dem exklusiven Judenclub ausgeschlossen hatte. Die Sonne verschwand langsam und widerwillig hinter dem Brandenburger Tor, unten auf dem Pariser Platz löste sich gerade eine Demonstration auf, und er sagte: "Spielst du Judenpolizei mit mir?" "Ja, genau", erwiderte ich, "weil ich Leute wie dich, die zurzeit als Faschings- und Meinungsjuden den linken Deutschen nach dem Mund reden, kaum noch aushalte." Ich fand mich etwas zu ernst, aber die Sache war ja auch ernst, weil inzwischen zu viele deutsche Intellektuelle in ihre gojischen Biografien jüdische Episoden und Leitmotive hineinredigierten. Fast so, wie vor fünfundzwanzig Jahren ein Schweizer unter dem erfundenen Namen Binjamin Wilkomirski seine Vita um einen erfundenen mehrjährigen Prolog als jüdisches Kind in Auschwitz erweitert hatte.

"Ich weiß gar nicht, was du von mir willst", sagte Max, der seit seinem ersten Buch vor drei Jahren als wichtiger jüdischer Intellektueller gilt. "Mein Vater war Jude, und vor dem Schlafengehen hat er mir jüdische Partisanenlieder vorgesungen." "Nein", sagte ich, "das war er nicht, wenn seine Mutter keine Jüdin war. Check deine Halacha." "Und was ist mit meinem Großvater?" "Und was ist mit meinem Großvater", sagte ich, "dem Vater meiner Mutter? Er war Armenier – aber deshalb bin ich auch nicht gleich Charles Aznavour." "Willst du noch etwas trinken?" "Eine Apfelsaftschorle, bitte." "Okay", sagte er und ging zur Bar.

Warum wollten auf einmal so viele Leute Juden sein, dachte ich, und warum gingen sie trotzdem nicht zum nächstbesten Rabbiner und konvertierten? Als Max kurz darauf mit meiner Apfelschorle und seinem Bier zurückkam, wusste ich plötzlich die Antwort: Sie wollten am Ende eben doch keine Juden sein! Denn als echte Juden im Sinn einer zweitausend Jahre alten Tradition, rabbinisch und weltlich, würden sie garantiert keine BDS-Dschihadisten mehr verteidigen, die acht Millionen Israelis im Mittelmeer ertränken wollen. Sie würden aufhören, in so verwirrten, antijüdischen Juden wie Kurt Tucholsky oder Hannah Arendt ihre Vorbilder zu sehen. Und es würde ihnen nicht im Traum einfallen, die Verfolgung der europäischen Juden mit der Situation von Frauen, Schwulen und Muslimen von heute gleichzusetzen, so wie es Max eben auch noch bei seinem Vortrag über die Aufgaben und Schwächen des Archivs der Berliner Akademie getan hatte.
Als Max mir das Glas mit der Apfelsaftschorle gab, nahm ich es so höflich wie möglich aus seiner Hand. Ich trank einen großen Schluck, er trank sein Bier, und ich sagte leise: "Warum konvertierst du nicht einfach? Es gibt wirklich Schlimmeres. Ich hab mich mit sechzehn beschneiden lassen, weil meine Eltern es in der kommunistischen Tschechoslowakei aus Angst nicht machen lassen wollten." Max – großes, freundliches, offenes Gesicht, auf dem sonst oft ein melancholisches Kinderlächeln auftauchte – guckte mich jetzt sehr ernst an. "Man muss etwas für sein Judentum tun", sagte ich, "sogar als Jude. Sogar wenn man so gottlos ist wie ich." "Was weißt du überhaupt über mich?", sagte Max böse. Und bevor ich antworten konnte, fügte er sehr viel freundlicher hinzu: "Vielleicht werde ich es ja eines Tages machen. Woher soll ich wissen, was morgen ist?" In der New York Times hat Max einmal erzählt, dass er mit seinen Berliner Klassenkameraden oft neben der Schule gespielt hat. Später habe er erfahren, dass genau dort im Krieg eine Sammelstelle für Juden vor der Deportation war, was ihn furchtbar entsetzt hätte. In der SZ erzählte er eine ähnliche Geschichte. Jetzt war die Sammelstelle aber ein ehemaliger jüdischer Friedhof, und einmal hätten sie dort beim Fußballspielen einen Knochen gefunden, von dem sie nicht wussten, ob er von einem Vogel oder von einem Menschen stammte. Das, dachte ich jetzt, in der goldenen Abenddämmerung auf der Terrasse der Akademie, klang fast schon nach Wilkomirski, nach jemandem, der – obwohl er im großen Diaspora-Film nichts zu suchen hatte – trotzdem in Schindlers Liste mitspielen wollte. Aber vielleicht war ich zu hart, dachte ich dann auch noch, und vielleicht hatte Max recht. Was wusste ich schon über ihn und seinen Großvater, den berühmten DDR-Verleger, den Kommunisten, den Juden, der ein Leben lang aus Idealismus zu seinen antisemitischen Genossen hielt? Wer einen solchen Großvater hat, will wahrscheinlich genauso sein wie er, und das ist am Ende ein sehr tiefes, authentisches Gefühl. "Danke für die Apfelsaftschorle, Max", sagte ich, "das nächste Mal zahle ich. Auf Wiedersehen." Später, im Taxi nach Hause – es war kurz nach zehn, aber irgendwie immer noch hell, Juli eben –, sah ich dann, was Max auf Twitter geschrieben hatte. Sehr gut, dachte ich, er zweifelt. Doch als ich am Zionskirchplatz ausstieg, merkte ich, dass ich plötzlich auch nicht mehr ganz sicher war, ob ich selbst wirklich recht hatte.
https://www.zeit.de/2021/33/max-czollek ... are.link.x
Klar hatte er recht...

@Artikel: :lol:

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