Fabelwesen! - Seite 10 - Schwermetall

Fabelwesen!

Satanismus, Christentum, keltische und nordische Religionen sowie die zugehörigen Mythologien!

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 11.06.2022, 11:55

Danke Branstock! Das ist so lieb von dir, ich freue mich!
:D

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 11.06.2022, 14:58

Ich mache hier auch mal wieder eins...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 12.06.2022, 12:30

Ja da freue ich mich schon drauf, Graf!

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 22.08.2022, 01:52

Midgards Wölfe

'Gyge' oder 'Gygur' wird sie genannt, die Riesin aus dem mythischen Eisenwald, der Midgard von Jötunheim trennt im nördlichen Osten. Es heisst, dass sie die Mutter von Midgards Wölfen sei, und dass alle Wölfe von ihr abstammen. Die Völuspa überliefert hierzu:

„Austur sat in aldna
í Járnviði
og fæddi þar
Fenris kindir.
Verður af þeim öllum
einna nokkur
tungls tjúgari
í trölls hami.“

Zur exakten Überprüfung des Sachverhaltes habe ich das mal selbst übersetzt:

„Östlich sitzt die Grossgewachsene
im Eisenwald
und füttert dort
des Fenrirs Geschlecht
aus dem einer hervorkommt
von ihnen allen wird er
des Mondes Räuber
in Unholdsgestalt“

Anzumerken ist hier, dass die Begriffe 'Unhold' oder auch 'Troll' im Altnordischen synonym für 'Riese' verwendet werden.

'aldna' würde ich ableiten von den Begriffen 'aldr' oder 'aldinn', die beide für 'Alter' oder 'alt' stehen können, aber auch für 'Leben', 'grossgewachsen' oder '(gut) genährt', sowie den Begriffen 'nari' oder 'naera', die in diesem Fall ebenfalls für 'nähren' stehen.


Woher der Begriff 'Gyge' wiederum stammt, bleibt bis dahin noch unklar, aber er wird sich von 'gygr' ableiten, was für 'Riesin' oder 'Unholdin' steht. Und er leitet sich gleichzeitig auch ab von 'gyggja', oder 'gyygva', was im Altnordischen 'Schrecken einflößen', 'erschrecken' bedeutet. Daher ist nun offensichtlich, dass es sich bei der Gyge um eine Heiti für die Riesin Angrboda handeln muss. Die Schrecken, Angst und Kummer bereitet, und die die Mutter der drei germanischen Weltfeinde ist, u.a. die des Fenrir, dem ersten der Wölfe von Midgard (siehe oben: „des Fenrirs Geschlecht“).

Hierzu möchte ich noch einen Abschnitt aus der Gylfaginning zitieren, aus einer englischsprachigen Übersetzung, der den Zusammenhang sehr schön beschreibt und vom Sinn her auch sehr gut dargestellt hat :

„There was a giantess called Angrboda in Giantland [Jötunheimr]. With her Loki had three children. One was Fenrir, the second Iormungand [the Midgard serpent], the third is Hel. And when the gods realized that these three siblings were being brought up in Giantland, and when the gods traced prophecies stating that from these siblings great mischief and disaster would arise for them, then they all felt evil was to be expected from them, to begin with because of their mother’s nature, but still worse because of their father's.“
Gylfaginning 27–34, trans. A. Faulkes, 1987


„Then spoke Gangleri: ‘What is the origin of the wolves?’

High said: ‘A certain giantess lives east of Midgard in a forest called Ironwood. In that forest live trollwives called Iarnvidiur. The ancient giantess breeds as sons many giants and all in wolf shapes, and it is from them that the wolves are descended.“
Gylfaginning, 12–14, trans. A. Faulkes, 1987.


Der Eisenwald gehört ja bereits zu Jötunheim im Nordosten, und es ist nun zu sehen, dass Angrboda /die Gyge sowohl die Mutter von Fenrir, als auch die Mutter von Fenrirs Kindern ist. Den beiden Wölfen Hati und Skoll und dem Mondhund Managarm, und somit stammen tatsächlich alle Wölfe Midgards von ihr ab.


Nach der Edda werden die Kinder des Fenrir dann auch die Verursacher des Ragnarök sein. So verfolgt der Wolf Skalli, der auch Skoll genannt wird, den Wagen der Sunna an jedem Tag bei seiner Bahn über den Himmel. Und sein Bruder Hati verfolgt das Mondgespann in jeder Nacht, sein Name leitet sich ja auch ab von dem Wort 'hati', welches für 'Hass', 'Feind' oder 'verfolgen' stehen kann und welches ich daher auch direkt mit 'der Verfolger' übersetzen würde.

Der Name Skalli bedeutet 'der so schnell ist wie Schall', weil der Begriff von dem altgermanischen 'skalli-' oder 'skalliz' für 'Schall' kommt. Ebenso wie 'Skoll', was im Altnordischen genau dasselbe bedeutet, und daher ein Hinweis ist auf seine besondere Schnelligkeit, mit der er dem Sonnenwagen folgt. Das macht auch Sinn, denn Sunnas Wagen muss deshalb von zwei Pferden gezogen werden (im Gegensatz zu dem des Mani, der nur ein Pferd hat). Alsvinn und Arvakr, so heissen die beiden Sonnenpferde, und Allgeschwind und Hellwach bedeuten ihre Namen (siehe ggf hierzu meinen vorherigen Beitrag „Alsvinn und Arvakr“).

Bei einer Sonnenfinsternis heisst es, dass Skalli der Sunna gefährlich nahe kommt. Und am Ragnarök werden die beiden Wölfe Sunna und Mani dann einholen, und Skalli wird die Sonne verschlingen. Hati wiederum wird den Mond stellen, aber verschlingen wird diesen der dritte Wolf aus dem Wurf, Managarm, der auch der Mondhund genannt wird (was sein kann, denn aus der Skaldendichtung und auch aus anderen Überlieferungen weiss man, dass die Begriffe Wolf und Hund in der früheren Zeit nicht so klar voneinander getrennt waren).

„And they say that from this clan will come a most mighty one called Moongarm. He will fill himself with the lifeblood of everyone that dies, and he will swallow heavenly bodies and splatter heaven and all the skies with blood.“
Gylfaginning, 12–14, trans. A. Faulkes, 1987

(in dieser Übersetzung liest sich das sogar so, als ob Managarm am Ragnarök sogar beide Himmelskörper verschlingen würde, den Mond und die Sonne, aber dafür habe ich bisher keinen weiteren Hinweis gefunden).


Ein Name, der im Zusammenhang mit dem Managarm fälschlicherweise genannt wird ist 'Hati Hrodvitnirsson'.

'Hrodwitnir' bzw. 'Hrodvitnir' leitet sich ab von

'hroði' für 'Abfall' oder 'Unrat', und

'vit' für 'erblicken', 'sehen' bzw 'vitna' oder 'vitni' für 'bezeugen', 'beweisen' oder 'Zeuge'.

'Hrodvitnir' = 'Der den Abfall gesehen hat' ist offensichtlich eine Kenning für Fenrir /Fenrisulfr, dem Wolf, der 'sich aus dem Sumpf erhoben hat' (ein Sumpf entsteht ja aus pflanzlichem Unrat bzw Abfall). Aber 'Hati Hrodvitnirsson' bezieht sich eindeutig auf Hati, und nicht den Managarm, wie manche meinen und wie aus der Grimnismal auch eindeutig hervorgeht:

"Sköll heißt der Wolf, der der scheinenden Gottheit
Folgt in die schützende Flut;
Hati der andre, Hrodwitnirs Sohn,
Eilt der Himmelsbraut voraus."


Die Deutung von Managarms Namen ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach. 'Mana-' wird sich sicherlich ableiten von 'mani' für 'Mond'. Für '-garm' jedoch gibt es verschiedene Möglichkeiten, und die meisten ergeben wenig bis gar keinen Sinn. Aber ich habe den Begriff 'garpr' bzw 'gurpr' gefunden, welcher mit 'garmr' übereinstimmt und 'Fresser' bedeutet. Also Managarm, der Mond-Fresser, oder persönlich lieber ist mir in dem Fall: der Mondverschlinger.
Zuletzt geändert von vampyr supersusi am 23.08.2022, 23:31, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Branstock » 22.08.2022, 19:44

Endlich! Endlich!

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 23.08.2022, 23:27

Danke, Branstock! :D

Es wird auch bald noch eins dazu kommen (eins, dass sich hieraus sozusagen automatisch ergibt, dass aber trotzdem extra sein muss).

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 28.08.2022, 14:51

Nun muss ich auch wieder eins machen...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 30.08.2022, 23:33

Ja das wäre gut, Graf! Ich werde noch Zeit brauchen, hier ergeben sich einige unvorhergesehene Dinge, und vielleicht werde ich bei Aspekten sogar teilweise umdenken müssen! Mal sehen, es muss hierfür noch mehr Recherche erfolgen, und das wird auf jdF Zeit in Anspruch nehmen.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 13.09.2022, 11:14

Gedanklich ist es bereits auf dem Weg. Und es ist superspannend, soviel kann ich schon mal vorweg nehmen. :D

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 13.09.2022, 13:54

Sehr gut...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 11.10.2022, 01:02

Mein vorheriger Beitrag über den Garm, in diesem Thread, ist leider fehlerhaft, und deshalb muss ich diesen hiermit für ungültig erklären. Ebenso wie bei dem Ablauf der Julnächte hat mir zu diesem Zeitpunkt der notwendige Überblick gefehlt, und deswegen habe ich das Thema nochmals grundlegend überarbeitet.


Garmr und Tyr

Garm ist der Hund, der den Eingang von Helheim bewacht. Er lässt keinen Lebenden hinein, und keinen Toten wieder heraus, und er gehört zu denjenigen Gestalten in der germanischen Mythologie, über die es nur wenig überlieferte Information, dafür aber sehr viele Spekulationen gibt. So soll er ursprünglich gar nicht existiert haben, sondern übernommen worden sein von dem griechischen Kerberos, oder er soll der Fenrir sein, oder der Managarm. Jedoch ist keine von diesen Theorien wirklich fundiert dargestellt, weil es ja eben nur wenig belegbare Informationen über ihn gibt.

Ein übernommener Kerberos ist er auf jeden Fall nicht. Es ist ein auffällig häufig vorkommender Ansatz in der germanistischen Forschung, bedeutsame Elemente einfach auf fremde Einflüsse zurückzuführen, nur aufgrund von sehr schwammigen und vermeintlichen Indizien, ohne jedoch konkrete Belege dafür zu haben (etwas Ähnliches war zB auch schon bei dem Dreihasen-Symbol oder bei der geografischen Lokalistaion von Jötunheim der Fall).
Hierbei ist es nur die einfache Tatsache, dass in beiden Mythologien ein Hund den Eingang des Totenreiches bewacht, während es sonst kaum oder keine weiteren Übereinstimmungen bei den Details gibt. Statt dessen ist aber bekannt, dass dieses Motiv auch in anderen, alten Kulturen existiert (was auch nicht weiter verwunderlich ist, da der Hund schon lange vor dem Neolithikum domestiziert wurde, um unter anderem genau diese Funktion des Bewachens zu erfüllen).

Über eine Gleichsetzung mit Fenrir spekuliert man vor allem wegen der Annahme, dass der Garm angeblich auch, ähnlich wie Fenrir, gefesselt sein soll. Die Völuspa überliefert:

"Geyr Garmr mjoc fyr Gnipahelli
festr mun slitna, enn freki renna"

"Garmr bellt nun grässlich vor Gnipahellir
die Fessel wird reissen, und Freki wird rennen"

Der Absatz beschreibt den Beginn des Ragnarök, und 'Gnipahelli' oder 'Gnipahellir' leitet sich ab von 'Gnipa' oder 'Gnipall', was 'überhängende Felsspitze', aber auch 'Feuer' bedeuten kann. 'Hellir' bedeutet 'Felshöhle'.

Natürlich kann, wie allgemein angenommen, hier eine Felshöhle vor dem Tor von Helheim gemeint sein (vielleicht ist es aber auch, wie ich vermute, einfach nur eine andere Bezeichnung für Helheim). Aber dass Garmr dort angebunden sei, steht da nicht.

'freki-' oder 'freka-' kann 'frech', 'gierig', 'mutig', 'heftig', 'Kämpfer', 'Feuer', 'schnellen', 'streunen', 'zucken', 'stossen' oder 'sprengen' bedeuten. Der Heftige, der Kämpfer und vor allem: der Sprenger (der Fessel), offensichtlich eine Heiti für den durch Gleipnir gefesselten Fenrir, aber dass damit gleichzeitig auch Garmr gemeint sein soll, steht da ebenfalls nicht, sondern nur, dass beide Ereignisse zeitlich direkt aufeinander folgen werden.

Das Wegtamslied, welches auch "Balders Träume" genannt wird, berichtet von Odins Reise nach Helheim (als er eine tote Seherin zu Baldurs Träumen befragen wollte):

"Upp reis Odinn, alda gautr,
oc hann á Sleipni södul um lagdi
reid hann nidr thadan Niflheliar til,
moetti hann hvelpi, theim er ór helio kom

Sá var blodgur um brióst framan
kiapt vigfrekan ok kiálka nethan
gó hann á móti ok gein stórum,
oc galdrs födur gól um lengi,
fram reid Odinn – foldvegr dundi -
hann kom at hávo Heliar ranni"

Das ist teilweise schwer zu übersetzen (und ich bin mir auch unsicher, ob der Text nicht vielleicht ein paar Schreibfehler enthält). Aber den relevanten Teil habe ich sinngemäss halbwegs zusammen bekommen:

"Auf dieser Reise niederwärts nach Niflhel
begegnete er einem jungen Hund, der aus Helheim kam

Blut war vorn an seiner Brust
Kiefer und Kehle klaffend zum Biss
ging ihm entgegen mit weit aufgerissenem Schlund
und bellt [galdrs födur?] an "

('gól' hängt zusammen mit 'góla', 'gál', 'gaula', 'geyja' und kann neben 'schreien' auch: 'laut tönen' oder 'bellen' bedeuten)

Angebunden ist er also nicht, und er ist ausdrücklich mit 'hvelpi' bezeichnet, was entweder 'Welpe' oder 'junger Hund' bedeutet (in dem Fall also junger Hund, da ein Welpe ja nicht beissen würde). Fenrir hingegen, der ja gefesselt ist durch Gleipnir, ist nach der Völuspa der erste der Wölfe (und nicht ein jüngerer), und beides zeigt, dass Hels Garmr also nicht Fenrir sein kann.

Die Grimnismal wiederum schreibt, in der deutschen Übersetzung:

"Die Esche Yggdrasil, ist der Bäume erster,
Skidbladnir der Schiffe,
Odin der Asen, der Rosse Sleipnir,
Bifröst der Brücken, Bragi der Skalden,
Habrok der Habichte, der Hunde Garm"

In der altnordischen Version jedoch heisst es:

"Ascr Yggdrasil, hann er oeztr vida
Scidbladni at scapa
Odinn ása, enn ióa Sleipnir
Bilröst brúa, enn Bragi scalda
Hábróc hauca, enn hunda Garmr"

'oeztr' bzw korrekt 'œztr' bedeutet 'der beste' (in diesem Fall also nicht 'der erste') (auch wenn die beiden deutschen Begriffe dafür in der früheren Zeit manchmal synonym verwendet wurden) (wodurch diese Übersetzung wahrscheinlich auch zustande gekommen ist).

Garm ist also "der beste der Hunde", und ein Hinweis auf das Blut findet sich auch wieder:

„And they say that from this clan will come a most mighty one called Moongarm. He will fill himself with the lifeblood of everyone that dies, and he will swallow heavenly bodies and splatter heaven and all the skies with blood.“
Gylfaginning, 12–14, trans. A. Faulkes, 1987

Die Gylfaginning schreibt weiterhin, dass Garmr am Ragnarök den Tyr töten wird, über den wiederum die Informationslage auf den ersten Blick noch viel mysteriöser ist. Er sei ursprünglich ein "Gott des Himmels" gewesen, der später zu einer Art Kriegsgott wurde, und Gott des Sieges, und gleichzeitig auch noch der Gott des Rechts und damit der Thingversammlung gewesen sei. Er sei der Sohn eines Riesen Hymir, so heisst es im Hymirslied, und nach der Gylfaginning soll er angeblich dann doch wiederum Odins Sohn sein. Hier hat es also auf jeden Fall Änderungen gegeben.

'Tyr' oder 'Tír', urgermanisch rekonstruiert 'Tiwaz' oder 'Teiwaz' leitet sich ab von 'tivar', was im Altnordischen für 'glänzen', 'schimmern' und 'scheinen' steht (entsprechend 'teiwa-' im Altgermanischen).

Die spätere Angabe von Odin als angeblichem Vater in der Gylfaginning ist eindeutig christenfreundlich umgeschriebene Prosa, und daher zu vernachlässigen.

In der Hymirskvida, die relativ spät verfasst worden ist, und die auch hauptsächlich nur Elemente des späteren Wodanskultes wiederspiegelt, ist der Vater von Tyr mit 'Hymir' benannt, einem Riesen, der ausser in diesem Lied nirgendwo anders in der Edda erwähnt wird. Deswegen habe ich mir seinen Namen einmal genauer angesehen und den altnordischen Begriff 'himinn' gefunden, germanisch 'hemina-' oder 'heminaz', was 'himmlisch' oder 'Himmel' bedeutet. Für mich sieht der Name 'Hymir' aus wie eine Mischung aus diesem Begriff und 'Ymir', dem Namen des allweisen Baumriesen, der der Yggdrasil innewohnt (was Sinn macht, da ja ihr Blätterdach für Midgard der Himmel ist). Dadurch ist Tyr also der 'Sohn des Himmels'. Der glänzende, schimmernde, scheinende Sohn des Himmels (s.o.), also für mich klingt das eindeutig nach dem Mond. Und es macht ebenfalls Sinn, weil Mani ja genau der Sohn ist, der noch zur Zeit der Ginnungagap aus der Achselhöhle des Ymir gewachsen ist (siehe ggf hierzu meinen vorherigen Beitrag 'Vom Wesen der Zeit').

In der Forschung geht man heute davon aus, dass Tyr /Tiwaz /Mani in der Spätantike, ca. um das Jahr 400, von seiner Position als wichtigster "Himmelsgott" durch den fortschreitenden Wodanskult verdrängt wurde. Er wurde von einem Riesen zu dem Asen Tyr degradiert, um für Wodan /Odin den Platz als Wichtigster am Himmel zu räumen. Um dies an die bestehenden Strukturen anzupassen, hat man aus Tyr einen "Vorsitzenden des Things" und eine Art Gott des Krieges gemacht, der Wodan bzw. Odin unterstellt war. Dies war notwendig für a) die Thingversammlungen, die ja zu den Vollmonden abgehalten wurden, und b) Kriege und Schlachten, die nach den Mondzeiten geplant wurden (siehe ggf. hierzu meine vorherigen Ausführungen über die Neumondberechnung des germanischen Heerführers Ariovist in "Vom Wesen der Zeit").
Hierüber finden sich auch Informationen in den sogenannten Runengedichten. Dabei handelt es sich um Merkverse, die in alten Schriftsammlungen erhalten geblieben sind, und die die Namen der Runenzeichen in Versform überliefern (Runica Manuscripta).

Das jüngere, altisländische Runengedicht aus dem ca. 15. Jh. schreibt:

Týr er einhendr áss
ok ulfs leifar
ok hofa hilmir.
Mars tiggi

Tyr ist der einhändige Ase
und das Übriggebliebne des Wolfs
und Behüter der Höfe.
Mars Leiter

Dieses ist auch bereits erkennbar mit römischem Kulturgut vermischt ("Mars", in anderen Versen von diesem Gedicht werden zB Saturn und Jupiter genannt, man sagt auch "Interpretatio Romana" dazu)

"Die Überlieferung des altisländischen Runengedichts verteilt sich auf vier Manuskripte der Arnamagnäanischen Sammlung, das älteste davon wird auf das 15. Jahrhundert datiert.
Die Anverse des altisländischen Runengedichts ähneln auffällig oft denen des altnorwegischen. Es ist darüber hinaus das einzige Gedicht, das den Namen Ase für die a-Rune überliefert. Die anderen Gedichte hatten dies wohl aus Scheu vor den heidnischen Göttern vermieden."

Das wesentlich ältere, altenglische Runengedicht aus dem ca. 10. Jh. dagegen schreibt:

Tir biþ tacna sum | healdeð trywa wel
wiþ æþelingas | a biþ onfærylde
ofer nihta genipu | næfre swiceþ.

Tir ist ein Leitstern, häkt Treue wohl
bei Fürsten, ist immer auf der Fahrt
über die Wolken der Nacht, es trügt nie.

In der Forschung ist die Deutung dieses Verses sehr stark umstritten. Von einzelnen wird über eine poetische Umschreibung spekuliert, mit einem unklaren Bezug auf das Sternbild Stier, oder den Nordstern, oder womöglich ein Zeichen des Zodiak im Allgemeinen, jedoch sind für keine dieser Spekulationen konkrete Anhaltspunkte vorhanden. Von einer verfälschenden, poetischen Umschreibung ist hier nicht wirklich auszugehen. Weder von dem Alter der Quelle her, noch liest es sich so, um den überlieferten Inhalt exakt zu klären, habe ich das noch mal selbst übersetzt:

'tacna' leitet sich ab von 'tacen' oder 'tacn', was im Altenglischen sowohl für 'Zeichen' als auch für 'zeigen', 'weisen' und 'sagen', und interessanterweise gleichzeitig auch für 'glänzen', 'schimmern' und 'scheinen' steht.

'swicep' leitet sich ab von 'swice', was in dem Fall gleichzeitig für 'täuschend' und 'endend' steht.

Tir ist ein glänzendes, schimmerndes und scheinendes, also lichtgebendes und dadurch wegweisendes Zeichen, welches seine treuen Dienste leistet
für die Krieger, es ist auf seiner ewigen Fahrt
durch die Dunkelheit der Nacht, niemals täuschend und niemals endend.

"Das altenglische Runengedicht... ist das einzige Gedicht, das auch die Namen der Runen des älteren Futharks überliefert, weil diese im angelsächsischen Futhark enthalten sind."

Und es beschreibt auch eindeutig den ursprünglichen Mondkult, bzw. was Tyr /Tir von seinem Wesen her ist (lichtbringendes, wegweisendes Zeichen in der Nacht). Es macht also Sinn, dass Garmr am Ragnarök den Tyr töten wird. Weil Tyr Mani ist, und Garmr der Managarm, des Mondes Mörder.


Meyers Grosses Konversationslexikon (als das sogenannte "gesammelte Nachschlagewerk allgemeinen Wissens") schreibt in der 6. Ausgabe von 1905:

"Bei den Germanen überdauerte die Verehrung des Mondes die ersten christlichen Zeiten, die Heidenapostel klagten, daß das Volk ihren »Her Mon« immer noch grüße, und daß man dem bedrängten Monde (bei Finsternissen) mit Lärm und Geschrei zu Hilfe eile, wie es Hrabanus Maurus (gest. 856) von den Hessen berichtet[ ]."

Dieser Wodanskult hat es also nie wirklich geschafft, den viel älteren Mondkult zu verdrängen. Und auch das Christentum hat dafür sehr lange gebraucht, weil die Riesen nun mal uralt und dadurch ganz tief verwurzelt sind.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch den Begriff 'Saxnote' erwähnen. Er ist überliefert durch das sächsische Taufgelöbnis, aus einer Handschrift aus dem 8. Jahrhundert:

„[…] end ec forsacho […] „Thunaer“ ende „Uuoden“ ende „Saxnote“ ende allum them unholdum“

„[…] und ich entsage […] [dem] „Donar“ und „Woden“ und „Saxnot“ und allen Unholden.“

'nôt' bedeutet im Altnordischen 'Zeichen', 'Merkmal' oder 'Kennzeichen', und 'sax' bedeutet 'Schwert'. Das 'Zeichen der Schwerter' also, und aus der Aufzählung geht ja hervor, dass Saxnôt ganz offensichtlich ein anderer Name für Tiwaz /Teiwaz /Tyr ist, der mit den anderen Riesen (Unholden) vor den Asen da war. Und der seine Bedeutung niemals verloren hat, hierüber deckt sich der Text des Taufgelöbnisses mit der Aussage von Hrabanus Maurus.

Mit 'Zeichen der Schwerter' wird wahrscheinlich der Anblick der verschiedenen Mondphasen gemeint sein, ähnlich wie bei dem Dreihasenbild, und es gab hierzu einen interessanten Brauch:

„Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der Schwerttanz bis ins späte Mittelalter erhalten. Die Tänzer führten kunstreiche Schläge aus, ahmten den Schwertkampf nach und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfaltige Figuren. Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit und wurde zu Ehren des Tiwaz gehalten.“
Zuletzt geändert von vampyr supersusi am 12.10.2022, 01:24, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 11.10.2022, 14:46

c/

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 12.10.2022, 01:39

Danke Graf! :D


Den Vers aus dem altenglischen Runengedicht habe ich lieber doch nochmal selbst übersetzt, und den Abschnitt noch etwas ergänzt.
o/ :teufel 6:

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 13.10.2022, 13:25

Profi...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 13.10.2022, 19:59

Am meisten freue ich mich darüber, dass du das sagst Graf. Das ist so ein tolles Kompliment.
:D


Einige meiner älteren Beiträge müssen unbedingt überarbeitet werden. Zum Glück habe ich mir den über Jörmungandr zB eben nochmal durchgelesen (total oberflächlich, so geht das ja überhaupt nicht)! Aber ich kann deswegen jetzt nicht in Panik ausbrechen (keine Ahnung, wieso das so schlampig und schluderig geworden ist).

Dann muss das eben gemacht werden. Der Winter steht ja bevor, und niemand hetzt mich. :teufel 3:

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 14.10.2022, 15:19

Ja. Die wichtigen Sachen immer zuerst...

In deinem fall also:

Einträge hier > BM hören > auf Steam sein > essen/trinken > Einkaufen/Haushalt/etc > Rechnungen zahlen > Job suchen...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 15.10.2022, 01:36

:lol:

also die Punkte 1-3 habe ich heute auf jdF erledigt (Nr. 7 entfällt vorübergehend, für die Dauer des kommenden Winterhalbjahrs) (wegen Fortbildung). Im Prinzip ist das ja eigentlich schon mal ganz gut.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 04.11.2022, 20:20

Ok... also... ich hab da jetzt nochmal reigelesen.

Das hast du echt alles selber gemacht, Susi...??

Bild Bild Bild

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 04.11.2022, 22:48

Ah cool, Graf, das ist ja schön! Ja, das sind alles meine Texte. Manchmal zitiere ich auch etwas, das kommt vor, aber wenn, dann ist das immer erkennbar gemacht durch Anführungszeichen (so wie bei den Zitaten aus den alten Schriften an sich), und es geht auch so immer aus meinem Text hervor, falls etwas woanders her ist und was alles meine persönlichen Interpretationen sind.

Wie gesagt, alles vom Anfang benötigt eine nochmalige Überarbeitung, da hatte mir teilweise noch der Überblick gefehlt, und deshalb wird da noch nachgebessert werden.

Da freue ich mich ja jetzt auf jdF noch mehr, dass du das sagst Graf!
:D

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 08.11.2022, 16:50

Schade ist der Theurg nicht mehr da... Der könnte sicher weit mehr dazu sagen...

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