Fabelwesen! - Seite 9 - Schwermetall

Fabelwesen!

Satanismus, Christentum, keltische und nordische Religionen sowie die zugehörigen Mythologien!

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vampyr supersusi
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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 02.12.2021, 00:51

Valknut

Man kennt das Symbol heute auch als Wodansknoten (diese Bezeichnung möchte ich aus verschiedenen Gründen mal so dahingestellt lassen). Unter anderem, weil sowohl diese, als auch die nordische Bezeichnung mehr aus der neueren Zeit stammen sollen (das lässt sich für mich im Moment leider nicht ganz genau klären). Aber im Altnordischen gibt es Wortstämme, die dazu passen, 'val' und 'knutr', und nach diesen müsste es der 'Knoten der auf dem Schlachtfeld Gefallenen' sein.

Das Symbol allerdings ist uralt, es ist auf den Bildsteinen von Stora Hammars auf Gotland zu finden, die auf das 8. Jahrhundert datiert sind (und ich gehe davon aus, dass die Symbolik als solche noch viel älter sein muss).

Bild

Es handelt sich um drei ineinander verschlungene Dreiecke (Bildmitte), über deren Herkunft, Bedeutung und auch die exakte geometrische Form es zum Teil sehr verwunderliche Beschreibungen und Ansichten gibt. Ich habe versucht, die tatsächlichen Fakten hierzu zu entwirren, und habe die Darstellung auf den Bildsteinen (s.o.) als die für mich im Moment einzige, wirklich belegte und auch wirklich nachvollziehbare befunden.

Von den verschiedenen Ausformungen, die für drei ineinander verschlungene Dreiecke geometrisch möglich wären, handelt es sich bei genauer Betrachtung um die sogenannten Borromäischen Ringe. Eine mathematische Sonderform, bei der die drei Komponenten paarweise unverschlungen vorliegen. Das bedeutet: entfernt man eines der Dreiecke aus der Verschlingung, zum Beispiel durch Aufschneiden eines der Ringe bzw. Dreiecke, dann sind auch die beiden anderen automatisch frei. Dies ist eine besondere Eigenschaft, die später von dem Mathematiker Hermann Brunn formuliert worden ist. Und ähnliche Symbole (oftmals auch in Ringform) sind aus verschiedenen, alten Kulturen der Welt bekannt, und immer werden sie als ein Symbol für Verbindung und Stärke durch Einigkeit angesehen.
Inwiefern dies nun in Beziehung zu den alten Germanen steht, ist nicht näher bekannt, aber aufgrund dieser Sonderform und auch der Tatsache, dass die Germanen in der Astronomie verhältnismäßig weit entwickelt gewesen sind (und Astronomie steht ja immer auch in einer Beziehung zur Mathematik), kann ich mir vorstellen, dass das möglicherweise kein Zufall ist.

Über die Bedeutung von Valknut steht fest, dass das Symbol in Beziehung zum Tod steht. Dazu passt auch, dass es auf Grabsteinen von alten Wikingergräbern gefunden worden sein soll, und auch die Darstellung der Bildsteine zeigt eine aufgebahrte Person, und eine andere, die den Valknut an einem Stab über den Aufgebahrten hält. Weitere, dort abgebildete Personen sehen wie Krieger aus. Und es ist der Adler vorhanden, von dem man im alten Germanien glaubte, dass er Verstorbene nach Helheim bringt (siehe ggf. hierzu meinen vorherigen Beitrag über den mythischen Adler Hraesvelgr).

Ich glaube, dass Valknut ein magisches Zeichen der nordischen Schamanen gewesen ist. Die Person mit dem Stab könnte ein Magier sein, und bei der dargestellten Szene könnte es sich um ein schamanisches Ritual für den gefallenen Krieger handeln. Vielleicht sollte der Zauber den Adler fernhalten, damit der gefallene Krieger von seiner Walküre erwählt werden und so nach Walhalla gelangen kann (und eben nicht nach Helheim). Dann wäre das eine Vorstellung aus der post-neolithischen Zeit, vielleicht geht man auch deshalb von einer "neueren" Datierung des sprachlichen Begriffes aus (dazu fehlen mir aber gesicherte Informationen, daher ist das jetzt nur eine Vermutung von mir).
Eine andere Deutung besagt, dass Valknut auch vor dem Tod bewahren kann, und dass das Zeichen aus diesem Grund zum Beispiel als Anhänger getragen worden ist. Das halte ich auch für möglich, so wie es auch Runen als magische Schutzzeichen gab, die man ebenfalls in Hölzer einritzte und als Talismane trug. Auch hier hält Valknut also den Adler fern, und schützt somit das Leben seines Trägers.

Eine weitere, bemerkenswerte Eigenschaft von Valknut ist, dass die Anzahl der Ecken von den drei Dreiecken genau 9 beträgt. Neun Ecken symbolisieren vielleicht die neun Welten der Yggdrasil, das unterstützt die Theorie von Valknut als ein magisches Symbol (so wie die Runenmagie, zu der man ja Zugang erhalten kann über Yggdrasils Wurzeln), und auch der Macht, die Valknut offensichtlich besitzt.


Mir ist noch aufgefallen, dass diese Dreiheit mit drei nach aussen stehenden Erhebungen eine optische Parallele zur Knochenanatomie aufweist, bei den grossen Knochen von Oberarm und Oberschenkel. Die haben an ihrem oberen Ende jeweils einen Kopf und noch zwei seitliche Erhebungen, das kann man bestimmt gut sehen, wenn Gliedmassen abgetrennt sind. Man könnte vielleicht daran denken, bei dem Symbol, und es wäre ein Hinweis auf ein Schlachtfeld und auf gefallene Krieger, denen das womöglich oftmals passiert ist (das ist jetzt aber nur so ein Gedanke von mir).
Zuletzt geändert von vampyr supersusi am 20.02.2022, 16:45, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 02.12.2021, 11:49

Sehr gut! Da gibt/gab es sogar eine (natürlich rechtsradikale c/)Band...



Zurück zum Thema:

Nun muss auch ich ausnahmsweise mal einen Witz bringen:

Der vollständig Geimpfte

Modrnen Legenden nach soll der vollständig Geimpfte ein Wesen sein, das so viele Impfungen erhalten hat, dass er vollständig gegen Covid immun ist. Da es in der Realität jedoch keine Obergrenze für Booster gibt, muss er in das Reich der Mythen verwiesen werden. Anbei ein Bild einer Darstellung aus der Popkultur:

Bild

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 02.12.2021, 13:26

:lol: :lol: :lol:

Ja der ist gut Graf!

:ugly2:


Und danke für den Link, das sieht ja schon mal sehr cool aus (ich wusste, dass es die Band gibt, hatte aber bis jetzt noch nicht die Gelegenheit zum Reinhören) (und man weiss ja so ohne Weiteres auch nie, wo und wie man da überhaupt anfangen soll). Das wird nachher ein spannendes Abendprogramm *freut sich darüber gerade sehr*.

:D

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 03.12.2021, 03:00

Was ein schönes Album, Graf! Da ist Atmospheric wirklich mal gelungen: fühlbare Kälte, die mit Hrimfaxi beginnt und mit Skinfaxi endet. Ein wunderbarer Soundtrack für die Nacht.

:gitarre:

o/

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 21.12.2021, 14:32

Die Nornen und das wahre Julfest

(Dieser Betrag hat Erkenntnisse ergeben, die meine Ausführungen über den Ablauf der Julnächte vom letzten Jahr relativieren. Da hatte mir noch der Überblick gefehlt, und deshalb werden diese Beiträge nun doch nicht in mein Projekt aufgenommen.)


Jul, Jöl, joulu, jól oder Yule, das sind die nordischen Namen für Weihnachten, und auch dieser Begriff ist überliefert.

'wih' (althochdeutsch, altsächsisch), von altgermanisch 'wihaz' oder 'weihaz': 'heilig', 'geweiht' oder 'heiliger Ort'

'nahten', von altgermanisch naht, niht, natt oder nótt': 'Nächte'

Der Plural weist schon darauf hin, dass es sich um einen Zeitraum von mehreren Tagen handelt, bzw. Nächten, den 'geweihten' oder 'heiligen Nächten'. Oder vielleicht auch den 'Nächten an dem heiligen Ort'.

Man weiss auf jeden Fall, dass das Fest in die Zeit der zwölf Nächte fällt, dieser dunklen und magischen Zeit, die nach dem heutigen Kalender das Ende des Jahres darstellt. Im alten Germanien war das die 'Zeit zwischen den Jahren'. Das hatte etwas damit zu tun, dass man sich sowohl an dem Mondjahr, als auch an dem Sonnenjahr orientierte. Und weil das Mondjahr, nach den Vollmonden im jeweiligen Monat gezählt, ein wenig kürzer ist als das Sonnenjahr mit den beiden Sonnenwenden, entsteht eine Zeit von zwölf Nächten und dreizehn Tagen, die dazwischen liegt. Sie fällt aus dem Jahr sozusagen heraus, oder: das Rad des Jahres steht zu dieser Zeit still. Und hieraus ergibt sich auch eine der wichtigsten Regeln der Julzeit, nach der es bei schweren Strafen verboten war, jegliche Arbeiten auszuführen, bei denen sich Räder drehen. Man glaubte, dass die Tore zwischen den Welten zu dieser Zeit weit offen stehen, deswegen galt sie als besonders magisch, und die Nähe der Gestalten und Wesen der Natur war deutlicher spürbar.

Im alten Germanien wurde daher ein rituelles Opferfest begangen, das sogenannte Julblót, zu dem sich die Gruppen an ihren heiligen Orten versammelten. Belegte Bestandteile der Feier sind auf jeden Fall das Julfeuer gewesen, der aus Stroh geflochtene Julbock, und auch der Juleber, auf dessen Rücken man in der Gemeinschaft Versprechen und Eide ablegte.

„Laut Wilhelm Mannhardt, einem der Begründer der modernen Mythenforschung, wurde „bei der Einführung des Christenthums unter allen deutschen Stämmen das Julfest mit dem Christfeste vertauscht“ und mit dem Inhalt der neuen Religion erfüllt, wobei sich viele heidnische Festbräuche erhielten. Der reformierte Theologe August Ebrard schrieb in diesem Sinn: „Man ließ den Heiden ihre Götter und ihre Feste; man taufte sie nur um dem Namen nach, wie die Heiden selber“.“


Doch über den genauen Ablauf des tatsächlichen, alten Festes gibt es nur wenige Informationen, die wirklich überliefert sind. Es war interessant zu lesen, das sogar vieles, was hierzu durch Volkskundler beschrieben wird, häufig rekonstruierte Vorgänge sind, wie die sich das so vorstellen und denken. Zum Teil war das notwendig, weil die Vermischung mit den christlichen Mythen, Feiertagen und Zeitabläufen die Überlieferung leider sehr stark zersetzt hat.

Die schriftlichen Quellen liefern hauptsächlich Angaben zu der Datierung, und natürlich sind diese in der Forschung umstritten, da es durch die Anpassungen an die christlichen Feiertage und an den julianischen Kalender zu massiven Verschiebungen und vielen verschiedenen Vermutungen gekommen ist. Hierzu schreibt die Heimskringla: „Nun ist es ihr alter Brauch, im Herbst ein Opferfest zu begehen, um den Winter zu begrüßen, ein zweites im Mittwinter und ein drittes im Sommer, um den Sommer zu begrüßen.“

Das alte germanische Jahr ist zweigeteilt, in eine helle und eine dunkle Hälfte, Sommer und Winter, daher ist Mittwinter die Mitte der dunklen Zeit, also der Zeitraum um die Sonnenwende herum.


„Hann setti þat í lögum at hefja jólahald þann tíma sem kristnir menn, ok skyldi þá hverr maðr eiga mælis öl, en gjalda fé ella, en halda heilagt meðan jólin ynnist; en aðr var jólahald hafit hökunótt, þat var miðs vetrar nótt ok haldin þriggja nátta jól.“
„Er setzte in Gesetzen fest, das Julfest zu der Zeit abzuhalten wie die Christen, und ein jeder Mann war unter Androhung einer Geldstrafe dazu angehalten Bier zu brauen, um Jul zu heiligen; aber zuvor wurde das Julfest in der Hacknacht begonnen, das war die Mittwinternacht und es wurde drei Tage lang Jul gehalten.“

(Heimskringla, Óláfs saga helga, übersetzt von Felix Niedner)


„Sie beginnen aber das Jahr mit dem achten Kalender des Januars, an dem wir die Geburt des Herrn feiern. Und diese selbe Nacht, die uns besonders heilig ist, wird von den Heiden Modranicht genannt, was Nacht der Mütter bedeutet…“

(Beda Venerabilis, De Temporum Ratione /De Mensibus Anglorum – Die englischen Monate)


Beda war ein christlicher Benediktiner, im 7. Jahrhundert im Norden von England. Der angelsächsiche Kalender war anders, daher (vermute ich) kommt die Verschiebung auf Januar. Aber in dem altnordischen Text der Heimskringla ist noch ein anderer Name für den ersten Tag des wahren Julfestes verborgen. Abweichend von der vorhandenen, deutschen Übersetzung ist im altnordischen Text die Bezeichnung 'hökunótt' zu lesen. Das würde ich jetzt von dem Begriff 'hokinn', 'hoka', 'höka' oder 'hûka' ableiten, was 'krumm gebogen', 'spitz sein', 'Winkel' oder 'Haken' heisst, aber auch 'Bock' oder 'Ziege' bedeuten kann.

Die 'Hakennacht' muss das richtig heissen. Der Begriff ist eindeutig: die Nacht, in der die Sonne einen Haken schlägt, oder einen Bogen macht, und sich danach dann wieder auf dem Rückweg befindet. Ein klarer Beleg für die Wintersonnenwende als Festzeitpunkt, bzw. dessen Beginn. Und es sind sogar Hinweise auf den Julbock und den Juleber enthalten.

Das Fest dauerte also drei Tage, beziehungsweise drei Nächte, und die Hakennacht, welche die erste ist, wird von Beda auch 'Modranicht' genannt (man findet auch 'Modranaht' oder 'Modraneht' an anderen Stellen). Im Altgermanischen bezeichnet 'modar': 'Mutter' und 'modrja': 'von der Mutter stammend', also die Nacht der Mütter.

Mit diesem Begriff werden auch bestimmte, weibliche Naturwesen bezeichnet, von denen einige Elfen sind, und andere sogar direkt von den Wanen abstammen. Die Nornen zum Beispiel. Die bekanntesten von ihnen sind die drei Nornen, die in einer Höhle unter den Wurzeln der Yggdrasil leben. Ihre Namen sind Urd, das 'Schicksal', Verdandi, das 'Geschehende', und Skuld, das 'Zukünftige'. Die Mütter des Schicksals, und zusammen spinnen sie dort, zu dieser Zeit, an ihren Spinnrädern die Schicksalsfäden der Menschen, und ich glaube, dass die erste Nacht des Julfestes ihnen geweiht ist.

Die Nornen sind auch ein weiterer, zwingender Grund für das Verbot von Arbeiten an Rädern, insbesondere dem Spinnen, gewesen. In dieser Zeit, in der sogar das Rad des Jahres still steht, sollten ihre Spinnräder die einzigen Räder sein, die sich drehen dürfen.


Die ursprüngliche Herkunft des Begriffes 'Jul' ist übrigens auch umstritten:

„Die Etymologie des Wortes bleibt zweifelhaft. Nach älterer Ansicht gehört es zu altnordisch él 'Schneegestöber' und zu einem rekonstruierten *jehwla- 'Zeit der Schneestürme'. Neuerdings wird das Wort vom urgermanischen *jehwlą 'Feier, Fest' hergeleitet. Die Kirche hat später vergeblich versucht, das Wort durch andere Begriffe zu ersetzen (so im Altnordischen durch den Ausdruck Dróttins burðar tíð oder im Altschwedischen durch die Wendung gudz födzlo hötidh).“


Na ja. Das altnordische 'él' wird da schon drin stecken. 'Sturm' oder 'Kampf', bedeutet es, und im altniederländischen 'joel' sieht man es noch. Und einigen Gebieten, die heute französischsprachig sind (wo aber Germanen eingewandert sind): 'joél'. Und in der Vorsilbe sehe ich einen Hinweis auf 'iotunn' oder 'Joten' , also die Riesen. Jo-él, die Zeit der Stürme und des Kampfes mit den Frostriesen.

Das ging ja nicht, damals, für die hier eingefallenen Christen, dass es bei uns Riesen gab, die weiser und mächtiger waren, und daher durfte es natürlich auch kein Fest geben (und dann noch das heiligste), welches den Geistern und Mächten der dunklen Zeit geweiht war (und eben nicht den Asen).


Ich wünsche allen eine gute Zeit der Stürme, ein schönes Julfest und frohe Weihnachten!

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 03.01.2022, 04:00

Gullinborsti.2

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Gullinborsti, oder altnordisch Gullinbursti, ist eines der magischen Dinge, bzw. in diesem Fall: Wesen, welche die Zwerge von Sindris Sippe erschaffen haben, also diejenigen, die in der Welt des unterirdischen Feuers von Svartalfheim leben. Sein Name kommt von 'gull' (altnordisch): 'Gold', und 'burst' (altnordisch): 'Borste', und bedeutet: 'der Goldborstige'.

Die Geschichte seiner Entstehung war in den deutschsprachigen Übersetzungen der eddischen Texte für mich leider nirgendwo verfügbar, aber ich habe hierzu folgenden Textabschnitt aus der altnordischen Skáldskaparmál gefunden:

„Þ]á lagði Sindri svínskinn í aflinn ok bað blása Brokk ok létta eigi fyrr en hann tæki þat ór aflinum, er hann hafði í lagt. En þegar er hann var genginn ór smiðjunni, en hinn blés, þá settist fluga ein á hönd honum ok kroppaði, en hann blés sem áðr, þar til er smiðrinn tók ór aflinum, ok var þat göltr, ok var burstin ór gulli. ... Þá bar fram Brokkr sína gripi ... En Frey gaf hann göltinn ok sagði, at hann mátti renna loft ok lög nótt ok dag meira en hverr hestr ok aldri varð svá myrkt af nótt eða í myrkheimum, at eigi væri ærit ljós, þar er hann fór; svá lýsti af burstinni.“

Und dann aus dem Englischen inhaltlich wie folgt zusammengefasst:

Sindri hatte eine Schweinehaut auf das Feuer gelegt und seinen Bruder Brokkr angewiesen, es anzufachen und damit nicht aufzuhören, bis er die Haut wieder herunternäme. Als er dann kurz währenddessen die Schmiede verliess, wurde er von einer Fliege in die Hand gebissen, und das verzögerte seine Rückkehr zur Feuerstelle. Aber Brokkr hatte sich an seine Anweisung gehalten, und als Sindri zurückkehrte, war aus der Haut ein riesiges Wildschwein geworden. Ein Eber, mit einer Mähne aus goldenen Borsten, die Feuerfunken sprühen und dadurch in der Nacht die Dunkelheit erhellen können. Und Brokkr hat den Gullinbursti dann dem Freyr geschenkt (Textende).

In anderen, altenglischen Quellen wird er auch Slíðrugtanni bzw. Slíðrungtanni genannt.

'slíðr' bedeutet im Altnordischen 'grimmig', 'furchtbar', 'gefährlich' oder 'schneiden'

'uggr': 'Angst', 'Furcht' oder auch 'ungr': 'jung'

'tann-' bedeutet 'Zahn'

Also entweder 'der mit den scharfen und furchteinflössenden Zähnen' oder 'der gefährliche Jungzahn'. Das zweite wäre tatsächlich auch möglich, da es bei erwachsenen Wildschweinen besonders schwierig zu sein scheint, das Alter anhand der Zähne zu bestimmen (im Gegensatz zu den kleinen, es gibt da u.a. eine veterinärmedizinische Dissertation zu dem Thema). In jedem Fall handelt es sich aber ganz offensichtlich um eine allgemeine Kenning für 'Wildschwein' (und ist nicht der Name eines zweiten Ebers, wie es von manchen vermutet wird).

Als Freyrs ständiger Begleiter zieht Gullinborsti dessen Wagen bei Tag und auch bei Nacht über den Himmel. In manchen Darstellungen reitet er auch auf ihm, Freyr mit seinem milden Klima, der die Gerdr, die neue Erde, aus dem Reich der Frostriesen holen und dadurch dann später das Frühjahr einläuten wird.

Es gibt keine direkten Belege dafür, dass der Juleber den Gullinborsti symbolisiert. Aber es fällt auf, dass der Eber von Beginn der Julzeit an bis über das Neujahr hinaus eine wichtige Rolle spielt. Und passen würde es auch, wenn genau Freyrs Eber derjenige wäre, der zur Wintersonnenwende die Sonne einhakt. Mit seinen hakenförmigen Eckzähnen, in der Hakennacht, und somit zur Rückkehr bewegt. Und Freyr, der dadurch von der zurückkehrenden Sonne begleitet wird, was zu der milden Frühjahrswitterung führt, die er dann mit sich bringt.

('höka' ='der mit den Haken', siehe ggf hierzu meinen vorherigen Beitrag über das wahre Julfest)

Überliefert ist jedenfalls, dass es Glück bringt, wenn man den Goldborstigen sieht. Deshalb verschenkt man zum Neujahr kleine Schweine, zB aus Gebäck oder Marzipan, die Gullinborsti symbolisieren und dem Beschenkten dadurch auch Glück bringen. Grundsätzlich kann jedes Abbild von ihm, und unter Umständen auch die Sichtung eines lebenden Schweins eine solche symbolhafte Erscheinung sein.


Die Golddistel (Carlina vulgaris) ist eine Pflanzengattung, die in der Umgangssprache auch gemeines Eberwurz oder 'Gullborst' genannt wird. Wieder so ein übrig gebliebener Hinweis, der sich bis in die moderne Zeit gehalten hat.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 03.01.2022, 11:48

Grossartig, Wampyrsusi...

Ich muss hier auch mal wieder etwas ausgraben...

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 03.01.2022, 22:53

Das finde ich einfach so wahnsinnig, Graf, dass du das zu mir sagst. Danke! 8)

Ja, bitte mach das unbedingt!

:D (beides)

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 29.01.2022, 03:26

Vom Wesen der Zeit

Ich fange mal an mit dem Hochneujahr, weil die Informationslage hierzu besonders umfangreich, aber in sich sehr widersprüchlich ist. Und weil das unterschiedliche Verständnis über den Neujahrsbeginn aufzeigt, wie methodisch die Christen damals vorgegangen sind, um ihre Glaubensvorstellung hier zu etablieren.

Hochneujahr ist dieser 6. Januar, der bei den Christen Dreikönigstag oder auch Epiphanias heisst, und der in manchen Regionen als der ursprüngliche Neujahrsbeginn angesehen wird. Jedoch steht hierzu fest, dass ein tatsächlicher Jahreswechsel an diesem Datum aus christlichem Kontext nicht hergeleitet werden kann, da sowohl im christlichen Rom als auch davor im heidnischen das neue Jahr immer am 1. Januar begann, ohne dass sich daran jemals etwas geändert hat.

Und auch für die germanischen zwölf Nächte, die aus dem Rad des Jahres herausfallen und die als die sogenannten Rauhnächte bekannt sind, gibt es im Christentum keine Entsprechung. Aber im germanischen Kontext gibt es die, belegt durch das umfangreiche und zum Teil uralte Brauchtum (man muss selektieren, aber bei uns ist da sehr vieles älter als das Kreuz).

Die historische Forschung schreibt über die Zeitrechnung:

"Das gebundene Mondjahr reicht im Germanischen wahrscheinlich in sehr frühe Zeiten zurück. In den großen Kämpfen der germanischen Suebenstämme mit den Römern im Elsaß um 58 vor unserer Zeitr. wurde – nach Cäsars und anderer Bericht – dem germanischen Heerführer Ariovist vom Glaubensbrauch die Pflicht auferlegt, die Schlacht nicht vor dem Neumond zu beginnen. Angesichts der entscheidenden Bedeutung dieses bevorstehenden Kampfes und angesichts des Gesetzes, das er nicht um Haaresbreite verfehlen durfte, muß Ariovist in der Lage gewesen sein, den wahren Eintritt des Neumonds (welcher unsichtbar zu sein pflegt) auch bei wochenlang bedecktem Himmel zu bestimmen. Dies war nur durch Berechnung möglich, die erprobt war. Ausdrücklich von einer solchen Berechnung berichtet etwa 150 Jahre später Tacitus, daß nämlich die Germanen die Zahl der Tage „berechnen“, um an ihnen ihre Versammlungen zu halten oder bedeutende Unternehmungen zu beginnen. Sowohl nach Cäsars wie des Tacitus Bericht müssen die beiden „Tiden“, Vollmond und Neumond, den Germanen um den Beginn unserer Zeitrechnung Bestandteile einer festen Zeitrechnung gewesen sein, und zwar eines gebundenen Mondjahrs." (Zitat Ende)

Durch das beständige Beobachten von Sonne und Mond ist man astronomisch sehr weit entwickelt gewesen in der Germania magna, und zwar schon lange Zeit vor der Ankunft der Christen. Und auch Änderungen hat es bereits vorher gegeben bei den germanischen Stämmen (vermutlich aus handelsbedingten und wirtschaftlichen Gründen), und deswegen gab es auch regional abweichende Entwicklungen. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass man die Mondmonate mit Neu- und Vollmond ursprünglich in das Sonnenjahr mit den beiden Sonnenwenden und den zwei Äquinoktien eingebettet hat, woraus dann der o.g. gebundene Mondkalender entstand mit den zwölf Schaltnächten, bzw. dreizehn Schalttagen zwischen Mond- und Sonnenjahr.
Gelegentlich liest man auch von nur elf Tagen, was jedoch auf eine sogenannte Elferregel aus dem kirchlich-christlichen Kontext zurückgeht und daher falsch ist.

Da die Sonnenwenden fixierte Zeitpunkte sind, und da das Julblót ursprünglich in der Hakennacht begonnen wurde, der Nacht der Wintersonnenwende (siehe ggf hierzu meinen vorherigen Beitrag über das wahre Julfest), ist ein vermeintlicher Neujahrsbeginn zum 6. Januar nur durch eine vorherige Verschiebung des Festes auf das Datum des christlichen Festes zu erklären. Es ist auch bekannt, dass die germanischen zwölf Nächte, die von den Christen Dodekahemeron genannt wurden, als politisches Mittel benutzt worden sind. Man hat hier ein christliches, sogenanntes "Weihnachtsoktav" um ein paar Tage "erweitert", um dann zwei christliche Feste in einem Zwölftages-Abstand zu verbinden. Offensichtlich hat das dann so insgesamt am besten gepasst für das neue, erweiterte römischen Reich. Und diese Anpassung an das vorhandene, germanische Brauchtum war auch nötig gewesen, um eine politische Übernahme langfristig überhaupt zu ermöglichen.

Jedenfalls geht die germanische Zeitrechung, so wie die meisten Kalender, auf die Beobachtung des Himmels zurück (in dem Fall von Sonne und Mond). Die Wafthrudnismal überliefert hierzu:

"Mundilfari heißt
des Mondes Vater
Und so der Sonne.
Sie halten täglich
am Himmel die Runde
Und bezeichnen
die Zeiten des Jahrs."

Andere übersetzen seinen Namen auch mit 'Beweger der Weltachse' (was sinngemäss auch zutreffend ist). Ich würde den Name ableiten von

'mund': 'Zeitpunkt', 'il': 'Fusssohle' und 'far-a': 'fahren', 'gehen' oder 'reisen'

Also Mundilfari, der 'fortlaufende Zeitpunkt' (die sinngemässe Deckung mit der o.g. vorhandenen Übersetzung ist also gegeben).

Er wird auch als " ein Mann oder Riese aus Midgard" beschrieben, was auf die Interpretation eines sehr fragwürdigen Abschnittes der Gylfaginning zurückzuführen ist, der im Widerspruch steht zu der ganz einfachen und klaren Beschreibung des Sachverhaltes in der Wafthrudnismal (siehe oben). Die Gylfaginning stellt Sonne und Mond in einer depersonifizierenden, prosareichen und auffälligen Art und Weise dar, die einer Betrachtung im Detail nicht wirklich standhalten kann. So sollen Mani und Sol zwei menschliche Kinder sein, die die Asen zu Mundilfaris Strafe an den Himmel versetzt hätten, wo sie angeblich jeweils dem Wagen von Mond bzw. Sonne vorausgehen und die Pferde derselben führen sollen (und Mond und Sonne in den Wagen hätten natürlich vorher die Asen erschaffen) (man merkt schon beim Lesen, wie seltsam das auch klingt). Die Völuspa überliefert:

"Bis Börs Söhne die Bälle erhuben,
Sie die das mächtige Midgard schufen.
Die Sonne von Süden schien auf die Felsen
Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.

Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin,
Hielt mit der rechten Hand die Himmelsrosse.
Sonne wußte nicht wo sie Sitz hätte,
Mond wußte nicht was er Macht hätte,
Die Sterne wußten nicht wo sie Stätte hatten.

Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Hießen Morgen und Mitte des Tags,
Under und Abend, die Zeiten zu ordnen."

Die Berater sind die Wanen, wie es in meinen vorherigen Beschreibungen der Schöpfung bereits ersichtlich geworden ist, und die Bahnen der Himmelskörper wurden also zu einer Zeit geordnet, als die Menschen noch gar nicht erschaffen waren. Darüber hinaus hält die Sonne die Zügel ihrer beiden Pferde selbst in der Hand (s.o.).
Die Annahme, dass jemand den Pferden voran gehe, kann auch deswegen keinen Sinn machen, weil Sonne und Mond von den beiden Wölfen gejagt werden. Deswegen heisst eines der beiden Sonnenpferde Alsvinn, der Allgeschwinde (siehe ggf. hierzu meinen vorherigen Beitrag 'Alsvinn und Arvakr'), weil sie nicht eingeholt werden dürfen von Skoll, ihrem beständigem Verfolger. Und mit Hati und dem Mondgespann ist das ja genauso (und daher ist klar, dass die Pferde jeweils schnell galoppieren und daher nicht von voran gehenden Fussgängern geführt werden können).
Sunna /Sol ist also die Sonne selbst, und Mani der Mond, so wie es auch in der Wafthrudnismal steht, daher muss auch ihr Vater Mundilfari bereits vor der Erschaffung der Menschen existiert haben. Das lässt sich ungefähr einkreisen durch den Vers aus der Völuspa, der den oben bereits zitierten Versen direkt voran steht

"Einst war das Alter, da Ymir lebte:
Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen,
Nicht Erde fand sich noch Überhimmel,
Gähnender Abgrund und Gras nirgend.".

Es gibt noch eine andere, althochdeutsche Quelle, das sogenannnte Wessobrunner Schöpfungsgedicht, welches im 9. Jahrhundert in einem Kloster in Wessobrunn aufgeschrieben wurde, und welches daher natürlich auch sehr stark christlich eingefärbt ist. Aber es sind ein paar Zeilen enthalten, die über den zeitlichen Ablauf einen gewissen Aufschluss geben

„Als Erde nicht war, noch Aufhimmel,
noch Baum noch Berg nicht war,
noch Stern nicht einziger, noch Sonne nicht schien,
noch Mond nicht leuchtete, noch die glänzende See,
als da nichts nicht war, nicht Enden nicht Wenden (…)“


Wenn man die Verse nun alle zusammen betrachtet, wird hier ersichtlich, dass Sonne und Mond zur Zeit der Ginnungagap entstanden sind, kurz nach der Zeit, als Nichts war, aber erst, nachdem Ymir schon lebte. Und auf jeden Fall bevor Börrs Söhne (= die Asen) zum ersten Mal in Erscheinung traten, und daraus ergibt sich, dass Mundilfari, sowie seine Kinder Mani und Sol, also Riesen sind. Das passt, auch wegen ihrer direkt funktionellen Persönlichkeiten (während die Wanen im Gegensatz dazu ja immer die Regulatoren sind).

Mundilfari muss also mindestens einer der ersten Riesen gewesen sein, die aus Ymirs Körperteilen wuchsen. Beziehungsweise der Ur-Riese selbst, das ist jedenfalls meine Vermutung. Ich halte 'Mundilfari' für eine Kenning für Ymir, dem allweisen Baumriesen, der seit der Erschaffung Midgards durch die Asen der Yggdrasil innewohnt, und sich damit exakt an der Weltachse befindet. Die längs durch den Stamm des Baumes verläuft und deren Beweger er dadurch auch ist. Somit wäre Ymir /Mundilfari nicht nur der erste der Baumriesen, sondern auch das beseelte Wesen der Zeit.


Es passt auch zu den wenigen Angaben, die es über Ymirs Kinder gibt: man weiss nur von dem sechsköpfigen Sohn aus seinen Füssen (den ich für den Wafthrudnir /Thrudgelmir halte), sowie von einem Sohn und einer Tochter, die jeweils aus seinen Achselhöhlen wuchsen, über deren weitere Funktion jedoch nichts mehr bekannt ist. Das könnten Mani und Sol sein, und es würde erklären, warum die weitere Geschichte von den beiden Kindern bei der christlichen Anpassung der Sachverhalte verloren gegangen ist.

( Anmerkung: Es muss noch mehr direkte Nachkommen Ymirs gegeben haben, zum Beispiel die Naturgewalten, leider
sind hierzu keine genaueren Angaben mehr vorhanden.)

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 20.03.2022, 01:54

Diesen Beitrag habe ich nochmal grundlegend überarbeitet:

Die Gerdr und das Ostarûn-Fest.2

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Ihr Name leitet sich ab von den altnordischen Begriffen 'garðr' oder 'gerða', sowie von den altgermanischen 'gerd-', 'gerdan', 'gerdo', 'gard' oder 'garda', und in allen Fällen bedeutet es 'die Umzäunte' oder: 'der Garten'.

Ihr Vater ist der Riese Gymir, dessen Name schwierig zu deuten ist. Ich würde ihn am ehesten auf 'gumi', 'guma' oder 'gyma' zurückführen, was im Altnordischen gleichzeitig 'Mann' und 'Erde' bedeutet. Aber auch auf 'geyma', was sowohl 'für etwas sorgen' als auch 'verstecken' bedeuten kann.
Der Verwahrer der Erde also, der sie eine Zeit lang versteckt hält und der währenddessen für sie bzw. für ihre spätere Beschaffenheit sorgt. Also mit anderen Worten: der Frost.

Und ihre Mutter ist die Riesin Aurboda. 'aur-r' bedeutet 'Sand', 'Erde', 'steiniger Sand' sowie auch 'Feuchtigkeit' und 'Nässe'. 'boda' bedeutet 'Verkünder' oder 'Bote'.
In dem Fall also so etwas wie (spätherbstlicher) nasser Sand oder Schlamm, und dadurch die 'Vorbotin' der neuen Erde dann später im Frühjahr.

Wie ihre Eltern stammt Gerdr aus Jötunheim, dem Reich des Winters, ihr dortiges Haus ist von einem Feuerwall umgeben, der Waberlohe, und ihr Zaun wird von Gymirs grauen Hunden bewacht. Die Skirnismal überliefert nun folgende Begebenheit:
Freyr, der Sohn Niörds, hatte sich einst auf HIidskialf gesetzt und überschaute die Welten alle. Da sah er nach Jötunheim und sah eine schöne Jungfrau aus ihres Vaters Haus in ihre Frauenkammer gehen. Daraus erwuchs ihm große Gemütskrankheit. Skirnir hieß Freyrs Diener. Niordr bat ihn, Freyr zum Reden zu bringen.
Skirnir ist der erste Lichtstrahl der wiederkehrenden Sonne, „hell strahlend“ bedeutet sein Name. Er erhält dann von Freyr den Auftrag, nach Jötunheim zu reisen und die schöne Jungfrau für ihn zu holen. Diese jedoch wollte zuerst gar nicht mitkommen, und auch Gymir wollte seine Tochter zuerst gar nicht gehen lassen. Aber sie war dann doch einverstanden, weil Skirnir ihr mit einem hässlich machenden Zauberbann drohte, falls sie sich weiterhin weigern würde.


Deshalb geht sie in der neunten Nacht in den Wald, um Freyr zu treffen, und auch wenn sie anfangs noch eine ganze Zeit lang geprägt ist von ihrer Herkunft aus dem Reich des Winters, wird die Begegnung mit Freyr und seinem milden Klima sie bald schon verändern. Und auch ihre Namen verändern sich: Berkana, Jörd, Fjörgyn, Gäa, Nerthus oder Eostra heisst sie dann, oder Ostara, und aus den letzteren beiden lässt sich wiederum der Begriff 'Ostern' ableiten:

„Das Herkunftswörterbuch des Duden leitet das Wort vom altgermanischen Austrō > Ausro „Morgenröte“ ab, das eventuell ein germanisches Frühlingsfest bezeichnete und sich im Altenglischen zu Ēostre, Ēastre, im Althochdeutschen zu ōst(a)ra, Plural ōstarun fortbildete.“

Das Osterfest oder althochdeutsch: Ostarun ist also nicht christlich, sondern germanisch. Es ist ein Fest zum Beginn des Frühlings gewesen, und der Begriff liefert auch einen Hinweis auf die korrekte Datierung:

'austa' oder 'austra' bedeutet im Altgermanischen nicht nur 'Morgenröte', sondern auch 'Osten'.

Die Aufgangsposition der Sonne schwankt im Verlauf der Jahreszeiten in einem Bereich um den sogenannten Ostpunkt am Horizont herum (Morgenpunkt). Nur zu den beiden Tag-Nachtgleichen (in dem Fall dem Frühjahrsäquinoktium) an welchen die Sonne auch gleichzeitig den Himmelsäquator überquert (in dem Fall den Frühlingspunkt), geht sie genau im exakten Osten auf.

Aus dem Begriff heraus ist also eindeutig ersichtlich, dass der astronomisch korrekte Festzeitpunkt der Tag (bzw. der Abend) der Frühjahrsnachtgleiche sein muss, und es sich daher in diesem Fall nicht um ein Vollmondfest handelt (wie manche vermuten und wie es bei anderen germanischen Feierlichkeiten auch oftmals der Fall ist). Es ist ein Sonnenfest, man feierte die Wiederkehr ihres Lichts, auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt die Frostriesen noch nicht vollständig zurückgezogen haben, so hat nun die helle Zeit aber trotzdem begonnen, und die Wärme der Sonne ist auch schon deutlicher spürbar.


Ich wünsche allen ein frohes Ostarun-Fest und eine schöne, helle Jahreszeit!

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Branstock
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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Branstock » 17.05.2022, 13:28

Geht es hier mal weiter oder sind euch die Fabelwesen ausgegangen?

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vampyr supersusi
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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 17.05.2022, 21:26

Nein! Mein nächster Beitrag ist immer noch in Arbeit! Ständig kommt einem was dazwischen, und ich muss noch die ganze Woche zum Seminar! Welches natürlich auch Spass macht, aber ich will den jetzt schon endlich mal weiter schreiben.

Aber der wird auf jdF super wichtig.

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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Dr.Gonzo » 18.05.2022, 08:43

*Wartet schon gespannt wie ein Goof am Weihnachts-Morgen*

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Graf von Hindenloch
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Re: Fabelwesen!

Beitrag von Graf von Hindenloch » 18.05.2022, 11:35

Ich bin auch dran... Man sollte uns jetzt nicht stören und stürmen... Dieser Thread braucht Zeit...

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vampyr supersusi
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Re: Fabelwesen!

Beitrag von vampyr supersusi » 18.05.2022, 21:10

Ja! Auf jeden Fall, Graf! Man kann sich auch nicht zum inspiriert sein zwingen.

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