Finnische Melancholie ist ein kostbares Gut. Wenn Insomnium ihre Gitarren weinen lassen, Niilo Sevänen zwischen tiefem Growling und bittersüssem Klargesang pendelt und sich über den frostigen Riffs eine melancholische Melodie erhebt, scheint selbst der Winter für einen kurzen Augenblick innezuhalten. Auf „Netherworlds“, dem zehnten Studioalbum der Finnen, ist diese Magie durchaus vorhanden. Nur will der Funke diesmal nicht richtig überspringen.
Nach dem grandiosen „Anno 1696“ wirkt die neue Platte erstaunlich blass. Wo der Vorgänger seine düstere Geschichte mit dramatischer Wucht erzählte, setzt „Netherworlds“ stärker auf Atmosphäre und vertraute Motive rund um Verlust, Vergänglichkeit und nächtliche Traumwelten. Das passt zur Band, nimmt den Songs aber auch die erzählerische Spannung. Insomnium beherrschen ihr Handwerk zweifellos, doch die Kompositionen wirken häufig wie Variationen einer längst bekannten Melancholie.
„Shadowlife“ und „Gleam in the Black“ liefern hymnischen Melodic Death Metal in bewährter Manier. Die Gitarren harmonieren, die Refrains sitzen, und gerade „Gleam in the Black“ bringt mit seinem höheren Tempo etwas mehr Bewegung ins Geschehen. „Arch of the Sky“ wagt mit rhythmischen Verschiebungen und Motiven aus der Sámi-Mythologie einen interessanteren Ausflug. Auch „The Hour Grows Late“ gewinnt durch die Beteiligung von drei Musikern von Amorphis an zusätzlicher Farbe. Doch trotz solcher Lichtblicke fehlen die grossen Momente, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen.
Das ist umso bedauerlicher, weil die musikalischen Voraussetzungen stimmen. Mit Ville Friman, Markus Vanhala und Neuzugang Tomy Laisto verfügt die Band weiterhin über drei Gitarristen, die Melodien kunstvoll ineinander verweben können. Produzent Miiro Varjus sowie Mix- und Mastering-Spezialist Jens Bogren sorgen für einen druckvollen, transparenten Klang. Die langsameren Stücke wie „Ethereal Sleep“ entfalten jene doomige Schwermut, für die Insomnium geschätzt werden, während „The Banished“ zumindest gelegentlich die Zähne zeigt.
Doch insgesamt fehlt es an Biss, Kontrasten und kompositorischer Tiefe. Die Platte ist schal, facettenarm und überraschend wenig aggressiv. Die Melancholie wirkt bisweilen routiniert, die hymnischen Refrains bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück, und selbst längere Stücke entwickeln zu selten einen unwiderstehlichen Sog. „Journey’s End“ beschliesst das Album passend wehmütig, ohne dem Ganzen nachträglich jene emotionale Wucht zu verleihen, die man sich erhofft hätte.
„Netherworlds“ ist kein schlechtes Album. Insomnium bleiben eine Klasse für sich, wenn es darum geht, frostige Härte mit elegischer Schönheit zu verbinden. Doch diesmal begnügen sie sich zu oft mit dem Vertrauten. Wo „Anno 1696“ noch ganze Welten aus Schmerz und Verzweiflung erschuf, hinterlässt das neue Werk vor allem schöne Melodien und das Gefühl, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre.
Der Winter ist noch immer da. Nur fällt diesmal etwas weniger Schnee.
Albuminfo
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Punkte |
3/5 |
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Label |
Century Media |
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Veröffentlichung |
10/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Finland |
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Genre |
Melodic Death Metal |
Tracklist
1. The Cold Song
2. Shadowlife
3. Remembrance
4. Gleam In The Black
5. The Hour Grows Late
6. Arch Of The Sky
7. Pathways Of The Night
8. Ethereal Sleep
9. The Banished
10. Journey's End
