Wässrige Hände, wildes Couvert zerreissen, zittrige Finger und nervöses Augenzwinkern: lange ist es her, seit ich so fiebrig auf eine Veröffentlichung war. Danach stundenlanges apathisches Anstarren der weissen Aussenhaut dieser langersehnten Pest vergangener Tage. Innere Zerrissenheit über den grossen Moment der Inkubation. Zögerliches Entfalten des würdigen Digipacks. Schliesslich der mutige Fingerzeig auf den Startknopf: Die dienstälteste Harteisen-Krankheit aus der Schweiz bricht wieder aus.

Bereits 1984 traten erste Fälle dieser Viruserkrankung auf. Sie brachte Tod und Verdammnis. Die erste Welle "Last Judgement" traf über 15000 Leute und wurde in der Schweiz in die Liste der Top 100 gefährlichsten Krankheiten aufgenommen. Sogar hinter den Mauern der DDR gab es verseuchte Opfer, nachdem die Kolik dort grassierte. Mit "Anno Domini" folgte die zweite noch schrecklichere Mutation und fegte über die ganze Welt. Nach zahlreichen Impfkampagnen glaubte man das Ungestüm 1991 ausgerottet. Doch ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende traten wieder erste Symptome auf und gipfelten in etlichen eins zu eins Darbietungen und dem Gewaltsschlag "Angels To Some, Demons To Others" im Jahre 2007. Die Epidemie wurde zur Pandemie und in ein paar Tagen setzt es zum endgültigen Kahlschlag an: "[t]horns" ist die bisher übelste, melodischste, aber auch gewaltigste Ausgeburt aus dem Hause Excruciation.

Nach kurzer melodieintensiver Inkubation steigt das träge Doom Death Fieber. Mit voller Wucht wird der Viruswirt niedergeschmettert um dann mit brachialem Stampfen Glied um Glied niedergestreckt zu werden. Erste endgültige Warnsymptome sind die depressiven Melodien, die zerschlagenden Griffe des Gittarrentrios und Eugenios dezent Hardcore-kehlige Stimmgewalt. Der Erstschlag "Raptus" brilliert mit einem unheimlichen Ohrwurm, einer Dichte, die nur mit drei Gitarren möglich ist und einer Excruciation-typischen ruhigen Saubergitarrensequenz mit dezent orientalischer Dissonanz. Garantiert einer der schlagkräftigsten Erreger, die in den letzten 25 Jahre im Hause Excruciation entstanden sind. Die Vielseitigkeit kreuzt sich gekonnt mit einem einzigartigen Wiedererkennungswert. Der Gesang oszilliert zwischen sauber-harmonisch, geheimnisvollem Flüstern und kehligem Grunzen. Die Gitarrensalven bleiben verhältnismässig melodiös und überlagern sich in einem unbändigen Trippelschlag, währendem das Schlagwerk und der Tieftöner den meist stampfenden Todesrhythmus vorgeben. Glaubt man im beklemmenden Zwischenspiel "67" das Geschwür sei verheilt, so folgt schon kurz darauf die nächste Fieberattacke. In krankem Wechsel von gemächlicher Atmosphäre und melodiösem Schleppdoom onaniert "December 12" auf alle Konventionen, welche Doom Death Balladen verbieten. "Vultures" erinnert hingegen eher an eine doomige Variante von melodiösen Kreator-Segmenten und zeigt so die thrashige Seite der Eidgenossen. Hervorragend!

Excruciation verbinden fünfundzwanzig Jahre Tradition mit erfrischenden Ideen und schaffen mit ihrem neuen Werk ein absolutes Killervirus. "[t]horns" ist Krankheit und Medizin zugleich, heilt die selbstkreierten Wunden: Extrem, Exzellent, Excruciation!

Albuminfo

Punkte

 

5/5

Label

Non Stop Music

Veröffentlichung

10/2009

Format

CD

Land

Genre

Death Metal