Manchmal wirkt ein Album wie ein alter Schützengraben, den die Natur nach einem Jahrhundert langsam zurückerobert hat. Zwischen zerborstenen Balken wachsen Gräser, Nebel zieht über vernarbte Erde, und irgendwo unter der Oberfläche schlummern Geschichten von Hoffnung, Stolz und Verzweiflung. Genau dieses Bild beschwört Duir auf ihrem zweiten Werk „Catarsi“ herauf.

Die Italiener aus Verona erschaffen einen atmosphärischen Folk-Black-Metal-Kosmos, der unweigerlich an Saor erinnert, dabei aber eine deutlich düsterere, kontinentale Melancholie verströmt. Wo andere Bands historische Themen lediglich illustrieren, lassen Duir die Vergangenheit atmen. Der Erste Weltkrieg dient dabei nicht als Kulisse, sondern als emotionales Fundament einer Geschichte über einen jungen Soldaten, dessen Weg zwischen Euphorie, Angst und Auslöschung verläuft.

Musikalisch gelingt der Band ein bemerkenswerter Balanceakt. Gewaltige Black Metal-Wellen treffen auf fein eingewobene Folk-Elemente, die nie folkloristische Staffage bleiben. Flöten, Dudelsack und Drehleier öffnen immer wieder Fenster in eine andere Zeit und verleihen den Kompositionen eine eindringliche Authentizität. Die Melodien wirken dabei wie verblasste Erinnerungen, die aus dem Nebel auftauchen und wieder verschwinden.

Besonders stark ist die Fähigkeit der Band, Atmosphäre aufzubauen. Die Stücke entwickeln sich organisch, wachsen und verdichten sich zu emotionalen Höhepunkten, ohne jemals in Pathos zu ersticken. Die Produktion von P.G. von Groza verleiht dem Album zusätzlich Tiefe und Transparenz. Jede Melodie findet ihren Platz, jede Steigerung entfaltet ihre Wirkung.

Vokalist Vox in Umbra transportiert die innere Zerrissenheit des Protagonisten überzeugend zwischen Verzweiflung, Wut und Resignation. Der Gastbeitrag von L.G. von Ellende fügt sich dabei nahtlos in das Gesamtbild ein und verstärkt die emotionale Tragweite einzelner Passagen.

Nicht jeder Abschnitt erreicht dabei die ganz großen Sternstunden des Genres. Gelegentlich hätten einige Themen noch etwas markanter ausformuliert werden können, und an wenigen Stellen verliert sich die Band leicht in ihrer eigenen Atmosphäre. Dennoch schmälert dies den Gesamteindruck kaum.

Mit „Catarsi“ legen Duir ein großes, reifes und äußerst stimmungsvolles Album vor. Es ist ein Werk über Erinnerung, Verlust und die Suche nach Erlösung inmitten menschlicher Katastrophen. Wie ein überwucherter Schützengraben erzählt es von längst vergangenen Schrecken – und davon, wie die Zeit zwar Wunden verdeckt, aber niemals vollständig heilt.

4/5 Punkte. Ein eindrucksvoller Schritt nach vorn für Duir und eine der stärksten Veröffentlichungen im atmosphärischen Folk Black Metal dieses Jahres.

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

AOP

Veröffentlichung

 

06/2026

Format

 

CD

Land

 

Italien

Genre

 

Black Folk Metal

 

Tracklist

1. Manifesto
2. Di nessuno
3. Impeto
4. Della notte
5. Del giorno
6. Oltre l'alba