Tief im schwedischen Wald gibt es Orte, an denen die Dunkelheit nicht einfach das Fehlen von Licht bedeutet. Sie scheint dort eine eigene Substanz zu besitzen, zwischen den Stämmen zu lauern und auf den richtigen Augenblick zu warten. Genau aus einer solchen Finsternis scheint "Beswærilsin" hervorzubrechen. Kein Album, das höflich an die Tür klopft, sondern eines, das den Riegel von innen verschiebt. Neun Jahre nach dem letzten regulären Arckanum-Album steht Shamaatae damit nicht vor den Ruinen seiner Vergangenheit – er steigt in ihre Wurzeln hinab und bringt etwas Lebendiges mit zurück.

Seit 1992 folgt Arckanum einem Pfad, der sich konsequent jeder musikalischen und gesellschaftlichen Bequemlichkeit entzieht. Shamaatae hat seine Musik nie als bloße Unterhaltung oder genretypische Übung verstanden. Arckanum ist Teil seiner spirituellen Arbeit, Ausdruck des Thursatru und damit eines individuellen Weges, der sich bewusst außerhalb etablierter Ordnung bewegt. Der Gedanke des Left-Hand Path – der Weg des Außenseiters, des vargar, desjenigen, der sich nicht in vorgegebene Moral und Konventionen einfügt – zieht sich wie eine schwarze Ader durch das gesamte Schaffen.

"Beswærilsin" führt diese Idee konsequenter fort als viele seiner Vorgänger. Musik, Texte und visuelle Gestaltung sind nicht voneinander losgelöste Bestandteile, sondern Teile eines magischen Wirkens. Shamaatae beschreibt das Album als vollständiges magisches Werk, das bestimmte innere Zustände und esoterische Vorstellungen nicht bloß darstellen, sondern hervorrufen soll. Das erklärt auch, weshalb sich die Platte weniger wie eine Sammlung von Songs anfühlt als wie ein Ritual, dessen Wirkung sich erst entfaltet, wenn man sich ihm vollständig ausliefert.

Besonders faszinierend ist die Sprache. Die Texte sind traditionell im Altschwedischen, im Fornsvenska, verfasst und greifen auf altnordische poetische Überlieferungen ebenso zurück wie auf schwedische Schwarzkunst. Es sind keine dekorativen Wikingerphantasien und keine folkloristischen Versatzstücke. Worte werden zu Beschwörungen, Verse zu Zaubersprüchen, Geschichten zu mythologischen Bildern. Die Sprache selbst wirkt dadurch wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Dichtung, Magie und Weltdeutung noch nicht voneinander getrennt waren.

Musikalisch wiederum gelingt Shamaatae das Kunststück, Bekanntes nicht einfach zu wiederholen, sondern es zu verdichten. Die alten Arckanum-Trademarks sind selbstverständlich vorhanden: primitive, schneidende Gitarren, entfesselte Raserei, frostige Melodien, hypnotische Wiederholungen und diese eigentümliche Verbindung von Black Metal und ritueller Beschwörung. Doch alles wirkt geschärfter. Aggressive Passagen schneiden tiefer, ruhige Momente besitzen mehr Gewicht und die Übergänge zwischen Raserei und Trance sind ausgefeilter, ohne auch nur einen Hauch ihrer archaischen Wirkung einzubüßen.

Vor allem die rohe Produktion erweist sich dabei als Glücksfall. "Beswærilsin" klingt nicht poliert, nicht klinisch und schon gar nicht darauf bedacht, jede Kante zu entschärfen. Die Musik darf kratzen, dröhnen und sich in den Vordergrund drängen. Gerade dadurch entsteht eine unmittelbare Körperlichkeit. Man hört nicht einfach Black Metal – man steht mitten darin.

Die beiden vorab veröffentlichten Stücke "Skæpna Ær Krigh" und "Anskoti" haben diese Richtung bereits deutlich erkennen lassen. Sie verbinden die aggressive Seite Arckanums mit jener schwer greifbaren, spirituellen Atmosphäre, die Shamaatae seit jeher von seinen Genregefährten unterscheidet. Doch "Beswærilsin" geht darüber hinaus. Das Album wirkt wie eine bewusste Zusammenführung verschiedener Entwicklungsphasen: frühe Wildheit, spätere kompositorische Erfahrung und die immer stärker ausgearbeitete Thursianische Philosophie verschmelzen zu etwas erstaunlich Geschlossenem.

Auch die Dramaturgie trägt dazu bei. Elf Stücke führen durch eine Welt, deren Namen bereits wie Fragmente vergessener Beschwörungen wirken: "Mz Fianda Raþi", "Utgarþzeþer", "Wilianz Kniwer", "Gyghra Hirþi" oder das beinahe neunminütige "Twæþursaspa". Mal wird die Musik in kurzen, wütenden Stößen entfesselt, mal darf sie sich langsam aufbauen und ihre hypnotische Wirkung entfalten. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen unmittelbarer Gewalt und ritueller Geduld.

Über allem schwebt der alte nordische Gegensatz von Eis und Feuer. Niflheimr und Múspellsheimr werden zu musikalischen Zuständen: Hier erstarrt die Welt unter eisigem Wind, dort brennt sie unter einer glühenden Welle aus Gitarren und Schlagzeug nieder. Das Bemerkenswerte ist, dass diese Gegensätze nicht künstlich nebeneinandergestellt werden. Sie scheinen aus derselben Quelle zu stammen. Kälte und Glut, Tod und Werden, Zerstörung und Erkenntnis gehören bei Arckanum untrennbar zusammen.

Damit gelingt "Beswærilsin" etwas, woran viele spirituell aufgeladene Black-Metal-Alben scheitern. Das Okkulte bleibt nicht bloß Behauptung. Es steckt in der Struktur der Musik. Die Wiederholungen wirken beschwörend, die Melodien wie Erinnerungen an etwas, das man nie bewusst gekannt hat, und die Ausbrüche besitzen jene animalische Qualität, die Arckanum schon immer ausgezeichnet hat.

Natürlich erfindet Shamaatae den Black Metal nicht neu. Das muss er auch nicht. Seine Leistung besteht vielmehr darin, die eigene Sprache nach mehr als drei Jahrzehnten noch einmal zu schärfen. "Beswærilsin" klingt unverkennbar nach Arckanum und gleichzeitig nicht wie ein Album, das lediglich den eigenen Mythos verwaltet. Bekannte Elemente werden freigelegt, verdichtet und mit neuen Vielschichtigkeiten versehen.

Und genau deshalb könnte dieses Album ein Klassiker werden.

Nicht weil es möglichst modern klingt. Nicht weil es irgendeine neue Schublade aufstößt. Sondern weil hier eine künstlerische Vision mit einer Konsequenz verfolgt wird, die im Metal selten geworden ist. Shamaatae versucht nicht, seine Vergangenheit zu reproduzieren. Er benutzt sie als Werkzeug, um tiefer vorzudringen.

"Beswærilsin" ist deshalb kein nostalgischer Blick zurück auf eine verlorene Ära. Es ist eine Beschwörung aus der Gegenwart, gespeist von uralten Bildern und einer Musik, die noch immer nach feuchter Erde, kaltem Eisen, Rauch und nächtlichem Wald riecht.

Wer sich darauf einlässt, sollte nicht erwarten, unversehrt wieder herauszukommen.

 

Albuminfo

Punkte

 

5/5

Label

 

Darkness Shall Rise

Veröffentlichung

 

10/2026

Format

 

CD

Land

 

Schweden

Genre

 

Pagan/Black Metal

 

Tracklist

1. Mz Fianda Raþi – (Mz Fianda Rathi)
2. Utgarþzeþer – (Utgarthzether)
3. Wilianz Kniwer – (Wilianz Kniwer)
4. Rymz Rand – (Rymz Rand)
5. Gyghra Hirþi – (Gyghra Hirthi)
6. Eldstenz Frø – (Eldstenz Fro)
7. Wiþirskapit – (Withirskapit)
8. Skæpna Ær Krigh – (Skaepna Aer Krigh)
9. Anskoti – (Anskoti)
10. Trulmoþir – (Trulmothir)
11. Twæþursaspa – (Twaethursaspa)