78 Minuten Finsterforst – und trotzdem fragt man sich irgendwann, warum diese Reise eigentlich so lange dauern muss. „Still“ ist beileibe kein stilles Album: Neun Songs, epische Arrangements, düstere Atmosphäre und genügend musikalische Ideen, um die Kapazität einer CD nahezu vollständig auszureizen. Das Problem ist nur: Die Musik ist deutlich besser als das, was darauf gesungen wird.
Dabei beginnt „Still“ durchaus vielversprechend. „Obduktion“ und „Herbstwanderung“ zeigen eine Band, die ihre Epik weiter ausbauen möchte und dabei weniger auf stumpfe Härte als auf getragene Vocals, Atmosphäre und Vielschichtigkeit setzt. Auch „Fels“ überrascht mit Akustikgitarre und reduziertem Klargesang. Musikalisch ist das keineswegs schlecht – im Gegenteil. Finsterforst beherrschen ihr Handwerk, und die Arrangements haben durchaus Momente, in denen man sich gerne in dieser düsteren Schwarzwaldwelt verliert.
Nur wird dieses Vergnügen empfindlich gestört, sobald der Gesang einsetzt.
Was hier als Ausdruck oder besondere Gesangsbetonung gedacht sein mag, gerät immer wieder zur unfreiwilligen Parodie. Silben werden auf eine derart verkrampfte Weise betont und in die Länge gezogen, dass man sich eher fragt, ob gerade ein Sänger oder ein Schauspieler in einer übermotivierten Mittelalter-Theateraufführung am Werk ist. Dazu kommen Lyrics, die zwischen bedeutungsschwanger und schlicht peinlich pendeln. Wo eigentlich große Gefühle, Leere und existenzielle Abgründe vermittelt werden sollen, bleibt beim Hörer nicht selten vor allem ein Gefühl zurück: Fremdscham.
Besonders fatal ist, dass die Texte dabei nicht einmal durchgehend schlecht sind. Gerade deutsche Lyrics sind ein schwieriges Terrain, weil Pathos schnell in Plattitüden kippt. Finsterforst überschreiten diese Grenze allerdings mehrfach. Wenn im Longtrack „Leere“ die Frage „Was ist das für ein Gefühl – fühle ich überhaupt etwas?“ auftaucht, wirkt das weniger wie existenzielle Verzweiflung als wie ein Platzhalter aus einem mittelmäßigen Poetry-Slam. In einem anderen Vortrag könnte so etwas vielleicht funktionieren. Hier wird es durch die eigentümliche Gesangsbetonung endgültig zur unfreiwilligen Komik.
Und dann kommen die Coversongs – ausgerechnet die Lichtblicke des Albums. „Beyond The North Waves“ von Immortal passt nicht nur stilistisch erstaunlich gut ins Finsterforst-Korsett, sondern wirkt auch deshalb überzeugend, weil das Stück nicht erst mit einer künstlich aufgeblasenen Bedeutung aufgeladen werden muss. Noch überraschender ist „Another Brick In The Wall Pt. II“ von Pink Floyd. Ein Song, dessen Original praktisch jede:r im Kopf hat, ist eine denkbar undankbare Covervorlage. Finsterforst lösen die Aufgabe jedoch mit Nachdruck, insbesondere bei den ikonischen Chören.
Das führt zu einer fast schon absurden Schlussfolgerung: Vielleicht sollte die Band einfach mehr Coversongs aufnehmen.
Denn sobald Finsterforst fremdes Material interpretiert, fallen einige der Probleme von „Still“ plötzlich weniger ins Gewicht. Die Musik darf für sich sprechen, statt ständig von Texten und einer Gesangsperformance überlagert zu werden, die einem die Nackenhaare aufstellen – und zwar nicht aus Begeisterung.
Schade ist das vor allem deshalb, weil „Still“ musikalisch durchaus Substanz besitzt. Die Band hat Ideen, Atmosphäre und ein Gespür für epische Arrangements. Was fehlt, ist die Fähigkeit, diese Qualitäten konsequent in Songs zu überführen, die nicht nach wenigen Stücken in eine gleichförmige Klanglandschaft übergehen. Die frühere Sperrigkeit von Finsterforst mag tatsächlich zum Markenkern gehören. Auf „Still“ wird daraus jedoch allzu oft musikalische Behäbigkeit.
So bleibt ein Album, das eigentlich viel zu bieten hätte und sich trotzdem selbst im Weg steht. Die Musik ist nicht das Problem. Der Gesang ist es. Die Lyrics sind es. Und vor allem die Kombination aus beidem.
„Still“ ist damit kein schlechtes Album, sondern ein frustrierendes. Denn zwischen gelungenen Arrangements, düsterer Atmosphäre und zwei überraschend starken Coverversionen steckt eine Band, die durchaus etwas zu sagen und musikalisch einiges zu bieten hat. Nur müsste man ihr beim nächsten Mal vielleicht raten, weniger sagen zu wollen – und es dafür besser zu singen.
Bis dahin bleibt vor allem eines hängen: Finsterforst sind nicht still geworden. Vielleicht wäre es besser gewesen.
Albuminfo
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Punkte |
2/5 |
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Label |
AOP |
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Veröffentlichung |
07/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Deutschland |
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Genre |
Pagan/ Folk Metal |
