Schottland hat ein langes Gedächtnis. Die Berge vergessen nichts, die Moore bewahren jeden Schritt, und irgendwo zwischen Nebel, Heidekraut und den ausgewaschenen Steinen alter Wege scheint die Vergangenheit noch immer zu atmen. Andy Marshall hat dieser Landschaft seit 2013 ein musikalisches Denkmal gesetzt. Mit "Caledonia" geht er nun zurück zum Anfang – und stellt dabei eine etwas unangenehme Frage: Was passiert, wenn man die eigenen Jugendsünden mit dem Handwerkszeug von dreizehn Jahren Erfahrung neu baut?

Die Antwort lautet: Sie werden besser. Aber nicht unbedingt aufregender.

"Caledonia" ist nämlich kein neues Saor-Album im eigentlichen Sinn, sondern eine Neubearbeitung von fünf frühen Kompositionen aus "Roots", "Aura" und "Guardians". Marshall hat sie nicht einfach remastert, sondern komplett neu eingespielt beziehungsweise rekonstruiert, mit den Mitteln und der Erfahrung, die ihm heute zur Verfügung stehen. Produziert, gemischt und gemastert wurde von Chris Fielding; hinzu kommen unter anderem Drums von Carlos Vivas, Violinen von Àngela Moya Serrat sowie Tin Whistle, Uilleann Pipes und weitere Folk-Instrumente von Ella Zlotos.

Das Ergebnis ist erwartbar prachtvoll. Und genau darin liegt das Problem.

"Aura MMXXVI" eröffnet mit elf Minuten jener majestätischen Weite, die Marshall längst patentiert hat: Tremolo-Gitarren ziehen über die Highlands, Folk-Melodien steigen wie Nebel aus den Tälern, darüber breitet sich eine Produktion aus, die alles möglichst gross und bedeutungsschwer erscheinen lässt. "The Awakening MMXXVI" drängt anschliessend energischer nach vorn, während "Carved in Stone MMXXVI" mit über zehn Minuten den monumentalen Mittelpunkt bildet. "Hearth MMXXVI" und "Tears of a Nation MMXXVI" schliessen den Kreis mit zunehmend elegischer Färbung.

Man hört überall, wie sehr Marshall inzwischen weiss, was er tut.

Und man hört leider ebenso deutlich, dass die alten Kompositionen eben alte Kompositionen sind.

"Caledonia" ist gewissermassen ein Landschaftsgemälde, das ein Restaurator mit besseren Pinseln noch einmal malt. Die Farben sind kräftiger, die Tiefenschärfe ist beeindruckender, die Berge stehen majestätischer am Horizont. Aber die Landschaft selbst hat sich nicht verändert. Wer Saor liebt, wird sich darin verlieren. Wer auf einen neuen Gipfel gehofft hat, wird feststellen, dass man auf einem bereits bekannten Berg steht – diesmal allerdings mit besserer Aussicht.

Das ist keineswegs schlecht. Im Gegenteil: Die fünf Stücke funktionieren erstaunlich gut. Gerade "Carved in Stone MMXXVI" besitzt eine schöne Balance aus archaischer Melancholie, schwarzer Raserei und jener schottischen Folk-Sehnsucht, die Marshall niemals kitschig werden lässt. "Tears of a Nation MMXXVI" entwickelt zum Ende hin sogar eine echte Schwere, die über das blosse Zelebrieren schottischer Landschaft hinausgeht.

Doch im Kontext der gesamten Saor-Diskografie wirkt "Caledonia" eher wie ein Rückblick als wie ein notwendiger nächster Schritt. Marshall selbst beschreibt Saor als "Caledonian Metal", weil ihm die Schublade Atmospheric Black Metal zu eng ist: Folk, Post-Rock, Soundtrack-Ästhetik und Black Metal bilden bei ihm längst eine eigene Sprache. Gerade deshalb wäre es spannend gewesen, zu erleben, wohin diese Sprache heute führt – statt zu sehen, wie sie ihre ersten Kapitel mit modernem Besteck neu schreibt.

Vielleicht ist "Caledonia" deshalb am treffendsten als liebevolle Archäologie zu verstehen. Marshall gräbt seine eigenen Wurzeln aus, entfernt Erde und Moos, poliert die Steine und legt sie noch einmal ins Licht. Das ist handwerklich beeindruckend und emotional durchaus berührend. Aber irgendwann möchte man eben wissen, was der Mann inzwischen auf diesen Wurzeln wachsen lässt.

"Caledonia" ist also keineswegs ein Fehltritt. Dafür ist die Musik zu schön, zu stimmungsvoll und zu souverän. Es ist sogar eine ausgezeichnete Möglichkeit, frühe Saor-Kompositionen in einer deutlich ausgereifteren Form kennenzulernen. Als eigenständiges Album fehlt ihm allerdings jener Funke des Unvorhersehbaren, der aus Schönheit etwas wirklich Grosses macht.

Die Highlands sind noch immer majestätisch.

Nur hat Andy Marshall sie diesmal nicht neu entdeckt, sondern sehr ordentlich renoviert.

 

Albuminfo

Punkte

 

3/5

Label

 

Season of Mist

Veröffentlichung

 

11/2026

Format

 

CD

Land

 

Schottland

Genre

 

Pagan / Folk Metal / Black Metal

 

Tracklist

1. Aura MMXXVI (11:40)
2. The Awakening MMXXVI (08:58)
3. Carved in Stone MMXXVI (10:19)
4. Hearth MMXXVI (09:58)
5. Tears of a Nation MMXXVI (10:33)