Schlaf ist normalerweise ein Ort der Flucht. Somn aber haben schon immer gewusst, dass hinter geschlossenen Augen nicht unbedingt Erlösung wartet. Auf ihrem zweiten Album „Consecration“ wird aus der Nacht endgültig ein Kerker – und aus dem Traum ein Marschbefehl.
Seit 2017 treiben Somn im Untergrund von Sankt Petersburg ihr Unwesen, wobei die Verbindungen zu Trna, Olhava und Show Me A Dinosaur bereits verraten, aus welchem düsteren Biotop diese Musik gewachsen ist. Doch Somn waren nie einfach die nächste Variante des russischen Post-Black-Metal. Schon „The All-devouring“ besass diese eigentümliche Fähigkeit, Schwärze nicht nur hörbar, sondern körperlich zu machen. Die vier langen Stücke des Debüts krochen wie kalte Finger über die Haut, während Post-Rock-Weite und Black-Metal-Fieber miteinander verschmolzen. Auf dem Split „Obrechenie“ wurde diese Sprache weiter verdichtet.
„Consecration“ geht nun einen entscheidenden Schritt weiter: weg vom persönlichen Albtraum und hinein in den Albtraum der Geschichte.
Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der in die Maschine fremder Ambitionen geraten ist. Er gehorcht, marschiert, tötet und verliert dabei langsam das, was ihn überhaupt erst zum Menschen gemacht hat. Ideale, große Worte, Opfer, Ruhm – am Ende bleibt davon nichts als Blut. Somn erzählen keine Heldengeschichte. Hier gibt es keinen Erlöser, keinen triumphalen Widerstand und auch keinen sauberen Tod. Nur eine Hand, die sich zunächst freiwillig ausstreckt und irgendwann nicht mehr weiss, wem sie eigentlich gehört.
Musikalisch ist das ausgesprochen konsequent umgesetzt.
„The Loyal Hand“ beginnt wie eine Prozession, deren Ziel man besser nicht kennen möchte. Die Gitarren bauen zunächst Spannung auf, bevor Somn ihre gewaltige, nervöse Mischung aus Post-Black-Metal und Post-Metal entfesseln. Dabei ist bemerkenswert, wie wenig die Band auf den üblichen Rausch des Genres angewiesen ist. Die Intensität entsteht nicht allein durch Geschwindigkeit. Somn können einen Riff wie eine drohende Lawine aufbauen, ihn zurücknehmen, beinahe ersticken lassen und dann wieder mit solcher Wucht hervorbrechen, dass der vorherige Stillstand plötzlich wie die Ruhe vor einer Hinrichtung erscheint.
Das eigentliche Kunststück von „Consecration“ besteht überhaupt in diesem Wechselspiel. Die Musik kennt Raserei, aber sie ist nicht ständig rasend. Sie kennt Melodie, ohne sich jemals dem Trost hinzugeben. Und sie kennt Atmosphäre, ohne in hübschen Nebel zu zerfallen. Wenn Somn ihre Gitarren weit auffächern, klingt das nicht nach Landschaft, sondern nach einem Horizont, hinter dem etwas Unaussprechliches wartet.
„Tower of Flesh“ macht daraus einen regelrechten Abgrund. Über zehn Minuten lang darf sich das Stück entfalten, und Somn verstehen es hervorragend, Spannung nicht mit möglichst vielen Ideen zu verwechseln. Schwere Passagen stehen neben fast schwebenden Momenten, während die Gitarren zwischen klagender Melodik und schwarzer Gewalt pendeln. Irgendwann entsteht das Gefühl, als würde man durch eine gigantische, menschenleere Fabrik laufen, in der die Maschinen noch immer arbeiten, obwohl längst niemand mehr weiss, warum.
Das ist vielleicht die stärkste Qualität dieses Albums: „Consecration“ klingt niemals nach Fantasy. Es klingt nach menschlicher Realität, die so lange durch die Mühle von Macht, Ideologie und Gehorsam gedreht wurde, bis sie etwas Albtraumhaftes angenommen hat.
„Swarming Mass“ ist entsprechend weniger Lied als Angriff. Hier entfesseln Somn ihre schwarzmetallische Seite mit besonderer Vehemenz. Die Drums treiben die Stücke voran, während die Gitarren eine Wand errichten, die gleichzeitig rasend und bedrückend wirkt. Doch auch hier verweigert sich die Band dem einfachen Dauerfeuer. Die Dynamik bleibt erhalten, die Musik sackt plötzlich in dunklere Gefilde ab und kehrt danach umso bedrohlicher zurück.
Und dann steht am Ende „Consecration“, der Titeltrack, als wäre nach all dem Blut nur noch die Weihe der Ruinen übrig geblieben.
Das Stück bringt die verschiedenen Gesichter der Band zusammen: Wut, Verzweiflung, Atmosphäre und jene melancholische Weite, die Somn bereits auf ihrem Debüt so wirkungsvoll eingesetzt haben. Besonders stark ist der Kontrast zwischen den entfesselten Schreien und den Passagen, in denen die Musik beinahe flehend wirkt. Das ist keine Katharsis. Es ist der Moment, in dem ein Mensch begreift, dass er sich selbst längst verloren hat.
Auch die Produktion passt hervorragend zu diesem Charakter. Mikhail Kurochkin hat das Album selbst aufgenommen und gemischt und lässt der Musik genügend Raum, ohne ihre Wucht zu beschneiden. Nichts klingt überpoliert. Die Gitarren dürfen kratzen, die Drums haben Gewicht, und die Stimmen sitzen mitten in diesem schwarzen Mahlstrom, statt darüber zu schweben. Dadurch bleibt „Consecration“ erstaunlich organisch – eher wie ein lebender Organismus als wie ein sauber ausgeleuchtetes Studioobjekt.
Somn sind dabei nicht plötzlich eine andere Band geworden. Und genau das ist ihre Stärke. Wer auf „The All-devouring“ die Verbindung aus Post-Black-Metal, Post-Rock, düsterer Atmosphäre und fiebriger Dynamik schätzte, wird hier vieles wiedererkennen. Aber die Perspektive hat sich verändert. Früher kroch die Dunkelheit aus dem eigenen Inneren. Jetzt kommt sie von aussen – in Form von Befehlen, Ideologien und Menschen, die ihre Träume auf den Rücken anderer verwirklichen wollen.
Vielleicht liegt darin auch die bitterste Pointe dieses Albums: Der Gott des Schlafes, dessen Name die Band trägt, schenkt diesmal keine Ruhe.
Nicht einmal der Tod wird erlaubt.
„Thou shalt seek neither rest nor death.“
Ein Satz wie ein Fluch. Und „Consecration“ ist der passende Soundtrack dazu: kalt, gewaltig, verzweifelt und von jener eigentümlichen Schönheit, die erst entsteht, wenn etwas bereits brennt und man weiss, dass niemand mehr kommen wird, um es zu löschen.
Albuminfo
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Punkte |
4/5 |
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Label |
AOP |
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Veröffentlichung |
11/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Russland |
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Genre |
Black Metal/Post Black Metal |
Tracklist
01. The Loyal Hand 5:19
02. Tower of Flesh 11:24
03. Swarming Mass 8:44
04. Consecration 10:56
