Der Horizont hat sich aufgelöst, der Kompass dreht durch, und irgendwo im Maschinenraum spielt ein Synthesizer zum Tanz der Ertrinkenden. Salz brennt in den Augen, die Wellen schlagen gegen den Rumpf, und die schwarze See beginnt in Farben zu leuchten, für die es in keinem nautischen Handbuch eine Bezeichnung gibt. Am Ruder steht niemand mehr, der noch nüchtern genug wäre, um das für ein Problem zu halten.

Willkommen an Bord von Spere.

Mit „Blotters in Saline Water“ sticht das deutsche Duo in Gewässer vor, in denen sich Black-Metal-Schwermut, psychedelischer Kontrollverlust und elektronische Ekstase zu einer ebenso abenteuerlichen wie erstaunlich schlüssigen Mixtur verbinden. „Psychedelic Maritime Black Metal“ nennen Spere ihren eigenwilligen Kurs. Eine Bezeichnung, die zunächst klingt, als hätte jemand einen LSD-Trip mit einem Schifffahrtslexikon und einer alten Black-Metal-Kassette verwechselt. Doch hinter der schrägen Idee steckt mehr als ein origineller Werbespruch. Dieses Album besitzt eine eigene Welt, eine eigene Dramaturgie und vor allem den Mut, sich nicht um die Erwartungen jener zu scheren, die im Black Metal am liebsten für alle Ewigkeit dieselbe eisige Landschaft durchwandern möchten.

Niklas, bekannt unter anderem durch seine Arbeit mit Horn und Cross Vault, und Schlagzeuger Tempestas, der ebenfalls tief in der deutschen Extrem-Metal-Szene verwurzelt ist, wissen durchaus, woher sie kommen. Doch Spere ist kein Nebenprojekt, das sich mit vertrauten Zutaten begnügt. Hier werden die Grenzen des Genres nicht vorsichtig verschoben, sondern mit einem rostigen Schiffsanker eingerissen. Und während draussen die Wellen gegen die Bordwand donnern, blinken drinnen die Synthesizer, als hätte Kapitän Nemo eine Discothek im Bauch der Nautilus eröffnet.

Der Auftakt „Those Rations Came Foul“ macht gleich klar, dass auf diesem Schiff nicht jede Entscheidung dem gesunden Menschenverstand folgt. Partyhafte Synthesizer und hymnische Chöre sorgen für einen Einstieg, der beinahe übermütig ausfällt und gefährlich nahe an der Kitschklippe entlangschrammt. Man wartet förmlich darauf, dass ein übermotivierter Animateur mit ausgestreckten Armen auf dem Oberdeck erscheint und zum kollektiven Mitsingen auffordert. Doch bevor das Schiff endgültig in den seichten Gewässern des unfreiwilligen Humors strandet, gelingt Spere die entscheidende Kurskorrektur: Der Überschwang gehört zum Konzept. Die Musik darf seltsam, grell und beinahe unverschämt sein, ohne ihre dunkle Grundierung zu verlieren.

Mit „Engine Fire“ zeigt sich dann, weshalb diese ungewöhnliche Mischung funktioniert. Der Song entwickelt sich aus einem atmosphärischen Beginn heraus, bis elektronische Klänge und Black-Metal-Elemente ineinandergreifen, als hätten sie schon immer denselben Maschinenraum geteilt. Die Synthesizer wirken nicht wie ein nachträglich eingebautes Fremdmodul, sondern wie ein integraler Bestandteil des Klangbildes. Gleichzeitig bewahren die Gitarren ihre Härte und die Komposition ihren Zug nach vorne. Der Song ist eingängig, ohne gefällig zu werden, und besitzt genug Druck, um selbst dann noch durch die Kabinenwand zu dröhnen, wenn man sich längst vorgenommen hat, das musikalische Experiment mit professioneller Skepsis zu beobachten.

Spere beherrschen das Kunststück, elektronische Euphorie und schwarzmetallische Kälte nicht zu einem glatten Mischmasch zu verrühren. Ihre Elemente dürfen sich widersprechen. Die Musik kann gleichzeitig nach Aufbruch und Untergang klingen, nach einem überdrehten Rave im Bauch eines sinkenden Schiffes und nach einer einsamen Fahrt durch Gewässer, in denen seit Jahrhunderten kein Sonnenlicht mehr gesehen wurde. Gerade diese Reibung macht den Reiz des Albums aus.

„Slip the Oar“ passt mit seinem Titel perfekt in diese Welt. Das Ruder loszulassen, während sich vor dem Bug ein schwarzer Strudel öffnet, ist nautisch betrachtet eine ausgesprochen schlechte Idee. Als musikalisches Prinzip hingegen erweist es sich als befreiend. Spere lassen ihre Kompositionen treiben, ohne sie dem Zufall zu überlassen. Elektronische Impulse und metallische Raserei greifen ineinander, die Musik nimmt Fahrt auf und scheint dabei immer wieder knapp an der eigenen Auflösung vorbeizuschrammen. Man weiss nicht genau, wohin diese Reise führt. Man weiss nur, dass Umkehren inzwischen keine ernsthafte Option mehr ist.

Die eigentliche Seele des Albums offenbart sich allerdings dort, wo der grelle psychedelische Lack abblättert. „Our Days Are Dripping From The Drums“ gehört zu den düstersten Momenten der Platte. Die Atmosphäre wird schwerer, der Klangraum bedrohlicher, und unter den ungewöhnlichen Arrangements tritt eine Melancholie hervor, die sich nicht einfach mit einer weiteren Ladung Synthesizer vertreiben lässt. Hier wird die See zum Sinnbild eines inneren Zustands: unermesslich, kalt und gleichgültig. Die Musik verliert ihren spielerischen Überschwang nicht vollständig, aber sie zeigt, was darunter liegt. Keine heitere Flucht aus der Wirklichkeit, sondern das Bewusstsein, dass man selbst im Rausch nicht unbedingt vor sich selbst davonkommt.

Der Titeltrack „Blotters in Saline Water“ ist mit seiner Kürze von gut zwei Minuten eher ein flüchtiger Riss im Gewebe der Wahrnehmung als ein ausladendes Herzstück. Das Stück zieht vorbei wie eine Erscheinung hinter beschlagenem Glas, hinterlässt einen irritierenden Eindruck und verschwindet, bevor man sich seiner Bedeutung sicher sein kann. Der Titel selbst verbindet die Vorstellung psychedelischer Substanzen mit der salzigen, lebensfeindlichen Umgebung des Meeres. Ein schönes Bild für die Musik von Spere: Selbst das Bewusstsein scheint hier seekrank zu werden.

Mit „When At High Speed (En Route Towards The Vortex)“ wird der Kurs endgültig zum Himmelfahrtskommando. Der Titel verspricht Geschwindigkeit und den Weg in den Mahlstrom, und der Song liefert beides. Die elektronischen Elemente treiben die Musik voran, während die Black-Metal-Wurzeln für die nötige Schwärze sorgen. Es ist, als würde das Schiff nicht länger versuchen, dem Strudel zu entkommen, sondern den Motor bis zum Anschlag aufdrehen, um sich mit maximaler Geschwindigkeit in sein Zentrum zu stürzen. Spere finden in diesem Kontrollverlust eine erstaunliche Ordnung. Das Chaos ist komponiert, die Überforderung präzise dosiert.

„Boneless Casket“ klingt bereits im Titel nach einem Grab, in dem selbst die Knochen keinen Halt mehr finden. Das Stück fügt sich in die morbide Bildwelt des Albums ein und unterstreicht dessen Hang zum Grotesken, ohne die musikalische Ernsthaftigkeit zu untergraben. Denn so schräg Spere ihre Ideen auch inszenieren, ihre Musik bleibt von einer dunklen Sehnsucht durchzogen. Hinter der absurden Seefahrerromantik wartet kein ausgelassenes Abenteuer, sondern eine Welt, in der sich Euphorie und Verzweiflung gegenseitig die Hand reichen.

Und dann kommt „This Is The End“.

Der Schlusspunkt ist kein triumphaler Landgang, keine rettende Küste und schon gar keine fröhliche Rückkehr in die vertraute Wirklichkeit. Stattdessen verabschiedet sich das Album mit einer wehmütigen Schwere, die den vorherigen Irrsinn in ein anderes Licht taucht. Nach gut 40 Minuten bleibt das Gefühl, aus einem seltsamen Traum aufgewacht zu sein, in dem man zwar nie wusste, wo man sich befand, aber für einen kurzen Moment überzeugt war, genau dort hingehören zu müssen. Der letzte Song bündelt die melancholische Seite von Spere und lässt die Reise nicht einfach auslaufen, sondern langsam im Nebel verschwinden.

Natürlich wird „Blotters in Saline Water“ nicht jeden an Bord holen. Wer Black Metal als unveränderliches Reinheitsgebot versteht, dürfte bei den Synthesizern, den hymnischen Chören und den elektronischen Ausflügen den nächsten kirchlichen Notstand ausrufen. Auch die gelegentliche Nähe zum Kitsch lässt sich nicht vollständig wegdiskutieren. Spere riskieren, dass ihre grossen Gesten über das Ziel hinausschiessen. Doch lieber ein Schiff, das sich an einem Mahlstrom versucht, als hundert weitere Kähne, die in sicherem Abstand zur Küste ihre Runden drehen.

Denn genau darin liegt die Stärke dieser Platte: Spere besitzen eine Idee und ziehen sie konsequent durch. Sie verbinden musikalische Gegensätze, ohne deren Ecken und Kanten abzuschleifen, und schaffen ein Klangbild, das trotz seiner ungewöhnlichen Zutaten eine erkennbare Identität besitzt. Die psychedelischen Elemente sind kein Gimmick, die maritime Ästhetik kein blosses Dekor. Beides trägt zur Atmosphäre bei und verleiht den Songs einen unverwechselbaren Charakter.

„Blotters in Saline Water“ ist deshalb mehr als eine kuriose Kreuzung aus Black Metal und elektronischem Rausch. Es ist ein düsteres, eigenwilliges und überraschend melancholisches Album, das seine Hörer zwischen Übermut und Abgrund, zwischen tanzbaren Impulsen und schwarzer Verlorenheit hin- und herschleudert. Spere haben eine Nische gefunden, die gross genug ist, um darin ein eigenes Universum zu errichten – und seltsam genug, dass man sich darin bereitwillig verirrt.

Der erste Durchlauf ist eine Einladung. Der zweite bereits eine fragwürdige Lebensentscheidung. Beim dritten sollte man vielleicht jemanden informieren, dass man vorerst nicht zurückkehrt.

 

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Eigenproduktion

Veröffentlichung

 

10/2026

Format

 

CD

Land

 

Deutschland

Genre

 

Black Metal

 

Tracklist

1. Those Rations Came Foul (05:30)
2. Engine Fire (04:28)
3. Slip The Oar (05:14)
4. Our Days Are Dripping From The Drums (06:06)
5. Blotters In Saline Water (02:26)
6. When At High Speed (En Route Towards The Vortex) (05:36)
7. Boneless Casket (06:08)
8. This Is The End (05:43)