Unter der Erde brennt etwas.
Kein Feuer, das wärmt. Kein Licht, das den Weg weist. Eher ein fahler, widerwärtig schöner Schein, der aus den Ritzen eines Grabes quillt und denjenigen anlockt, der töricht genug ist, ihm zu folgen. Je näher man kommt, desto deutlicher werden die Umrisse: zerbrochene Altäre, schwarze Flügel, Schlangenringe, Gesichter ohne Erlösung. Und irgendwo dahinter beginnt Musik.
„Lux Ex Inferis“ – Licht aus der Unterwelt.
Servant hätten für ihr viertes Album kaum einen passenderen Titel finden können. Denn was die Niedersachsen hier entfesseln, ist kein gewöhnlicher Ausflug in die Finsternis. „Lux Ex Inferis“ ist eine prächtige schwarze Messe, in der melodischer Black Metal, okkulte Atmosphäre und eine immer stärker hervortretende epische Ader zu einem Gebilde verschmelzen, das grösser, reifer und selbstbewusster klingt als alles, was Servant zuvor veröffentlicht haben.
Dabei ist die Geschichte dieser Band bemerkenswert kurz. Seit 2021 arbeiten Farago, Samael, Thanatos und Apophis mit einer Konsequenz, die beinahe unheimlich wirkt. Album auf Album wurde veröffentlicht, die Musik wurde immer ausgefeilter, und spätestens „Death Devil Magick“ zeigte, dass Servant weit mehr sind als eine weitere Formation, die sich im frostigen Schatten der zweiten Black-Metal-Welle eingerichtet hat.
„Lux Ex Inferis“ geht nun noch weiter.
Nicht weg vom Black Metal.
Tiefer hinein.
„In Noctem“ öffnet zunächst langsam das Tor. Chöre, geheimnisvolle Klangflächen und gedämpfte Percussion erzeugen eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen nächtlicher Kathedrale und verlassener Krypta liegt. Die Gitarren kommen zunächst wie Nebel aus der Ferne, bis aus diesem beinahe ätherischen Beginn langsam etwas Bedrohliches wächst.
Dann bricht „Tabula Rasa“ über einen herein.
Der Kontrast ist gewaltig. P.G. von Groza verstärkt den Song mit seiner Stimme, während Servant ihre Gitarren wie eisige Klingen durch den Raum treiben. Tremolo-Picking, majestätische Harmonien und aggressive Rhythmen greifen ineinander, ohne dass die Komposition jemals ihre Übersicht verliert. Gerade darin liegt die Entwicklung dieser Band: Die Musik ist komplexer geworden, ohne kompliziert wirken zu wollen.
Servant wissen inzwischen sehr genau, wann ein Riff explodieren muss – und wann es besser ist, es einfach lange genug im Dunkeln glimmen zu lassen.
„Glorification“ gehört zu den Stücken, die diese neue Stärke besonders eindrucksvoll offenbaren. Die Gitarren besitzen eine fast sakrale Qualität, während Faragos Stimme darüber wie ein schwarzer Prediger aus einer brennenden Kapelle schreit. Immer wieder entstehen Momente von beinahe symphonischer Erhabenheit, ohne dass Servant ihre Rohheit opfern würden.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Viele Bands werden mit zunehmender Erfahrung grösser und verlieren dabei ihre Zähne. Servant werden grösser und schärfen sie gleichzeitig.
„Thanatos, Embrace of the Night“ demonstriert diese neue Kraft mit geradezu unverschämter Selbstverständlichkeit. Das Stück marschiert zunächst beinahe geradlinig nach vorne, besitzt aber unter seiner Oberfläche eine erstaunliche atmosphärische Tiefe. Die Keyboards sind nicht bloss Dekoration, sondern ein zweiter Erzähler. Sie ziehen einen kalten Schleier hinter die Gitarren und verleihen dem Song eine Dimension, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig offenbart.
Und dann hält die Musik plötzlich inne.
Ein kurzer Moment, in dem die Dunkelheit selbst den Atem anzuhalten scheint.
Bevor Servant wieder zuschlagen.
Diese Fähigkeit zur Dynamik macht „Lux Ex Inferis“ so stark. Die Band hat verstanden, dass Brutalität nur dann wirklich wirkt, wenn sie nicht permanent vorhanden ist. Ein Schatten wird schliesslich auch nicht dadurch dunkler, dass man ihn mit weiteren Schatten bedeckt.
„De Profundis“ steigt aus der Tiefe empor und gehört zu den unmittelbarsten Stücken des Albums. Lethian von Nornír sorgt hier für zusätzliche Giftigkeit und liefert einen keifenden Gegenpol zu Faragos Stimme. Die beiden Stimmen wirken stellenweise wie zwei Gestalten, die aus demselben Grab heraus miteinander streiten.
Und darunter diese Gitarren.
Kalt.
Melodisch.
Unverschämt schön.
Servant haben keinerlei Angst mehr davor, Melodien in den Mittelpunkt zu stellen. Genau das macht „Lux Ex Inferis“ so überzeugend. Die Schönheit ihrer Musik wird niemals zum Selbstzweck. Sie ist vielmehr die Versuchung, bevor der nächste Schlag kommt.
„Lux Fulget“ führt anschliessend wieder zurück in die alte Schule. Rohere Black-Metal-Strukturen, frostige Gitarren und eine Wucht, die weniger auf Atmosphäre als auf unmittelbaren Druck setzt. Hier zeigt die Band, dass die Entwicklung des Albums nicht bedeutet, die eigenen Wurzeln zu verleugnen.
Im Gegenteil.
Servant können jederzeit zurückkehren.
Sie haben nur inzwischen gelernt, wie viele Türen von dort aus geöffnet werden können.
„Of Stones, Sleep and Death“ ist eine dieser Türen. Schon der Titel klingt wie eine Inschrift auf einem Grabstein, und musikalisch entfaltet sich ein Stück, das zwischen Elegie und Raserei pendelt. Die Gitarren tragen eine wunderschöne Tragik in sich, während Piano und atmosphärische Passagen immer wieder aus dem Mahlstrom auftauchen.
Es sind gerade diese Momente, in denen „Lux Ex Inferis“ über die Grenzen des klassischen melodischen Black Metal hinauswächst.
Servant komponieren mittlerweile nicht nur Riffs.
Sie komponieren Stimmungen.
„The Accuser“ macht danach wieder einen Schritt in Richtung Eingängigkeit. Der Song besitzt einen beinahe verführerischen Zug, ohne seinen okkulten Charakter zu verlieren. Eine Gestalt scheint hinter einem schwarzen Vorhang hervorzutreten, langsam den Finger zu heben und eine Frage zu stellen, auf die es keine angenehme Antwort gibt.
Was hast du geopfert?
Wem hast du gedient?
Und was ist von dir übrig geblieben?
Solche Bilder passen zu Servant, weil ihre Musik schon immer etwas Rituelles besessen hat. Nicht unbedingt im Sinne einer konkreten religiösen Doktrin, sondern als Erfahrung: Wiederholung, Beschwörung, Spannung, Auflösung. „Lux Ex Inferis“ fühlt sich deshalb weniger wie eine Sammlung einzelner Songs an als wie ein zusammenhängendes Ritual, das sich über knapp eine Stunde immer weiter verdichtet.
Und dann kommt „Hypnos I See You“.
Der längste Song des Albums ist zugleich seine vielleicht vollständigste Zusammenfassung. Hypnos, der Gott des Schlafes, Bruder des Todes, Herr über die geschlossenen Augen. Ein Wesen, das nicht mit Gewalt kommt, sondern mit Verführung.
Servant machen daraus keinen sanften Traum.
Dieser Schlaf hat Zähne.
Die Gitarren ziehen immer weitere Kreise, Melodien wachsen aus dem Fundament empor, die Drums treiben das Stück mit unerbittlicher Präzision voran und Faragos Stimme wirkt zunehmend wie die eines Priesters, der längst vergessen hat, ob er betet oder verflucht.
Hier treffen sämtliche Elemente des Albums aufeinander: Raserei und Ruhe, Melodie und Wut, Atmosphäre und Attacke, klassische Black-Metal-Kälte und jene neue epische Breite, die Servant inzwischen so souverän beherrschen.
Man hört „Death Devil Magick“ noch in den Knochen.
Aber man hört auch, dass Servant nicht mehr dieselbe Band sind.
Faragos Gesang hat sich leicht verändert. Das klassische Kreischen tritt stellenweise zugunsten eines druckvolleren, aggressiveren Shoutings zurück. Das verleiht den Songs mehr Autorität und passt hervorragend zu den breiteren Arrangements. Seine Stimme klingt nicht mehr nur wie ein Instrument über der Musik – sie scheint manchmal aus dem Inneren der Gitarren hervorzubrechen.
Auch das Zusammenspiel der Band wirkt bemerkenswert geschlossen. Apophis' Schlagzeugarbeit treibt die Songs mit enormer Präzision, ohne ihnen die Luft zu nehmen. Thanatos legt darunter einen schweren, körperlichen Bass. Samael und Farago schichten Gitarren übereinander, die zwischen frostigem Tremolo, majestätischen Leads und beinahe sakralen Harmonien wechseln.
Nichts davon wirkt überladen.
Und das ist bei dieser Art von Musik eine Kunst.
„Lux Ex Inferis“ besitzt durchaus Bombast, aber keinen aufgeblasenen. Die Grösse entsteht aus den Kompositionen selbst. Aus den Melodien. Aus der Dramaturgie. Aus dem Wechsel von Licht und Dunkelheit.
Vor allem aber besitzt das Album etwas, das vielen technisch versierten Black-Metal-Produktionen fehlt:
Seele.
Servant haben ihre Musik nicht glattgebügelt. Sie haben sie veredelt.
Das ist ein Unterschied.
„Lux Ex Inferis“ ist deshalb nicht einfach der logische vierte Schritt einer jungen Band. Es fühlt sich vielmehr an wie der Moment, in dem eine Formation erkennt, was sie eigentlich sein kann. „Death Devil Magick“ hat die Konturen gezeichnet. „Lux Ex Inferis“ füllt sie mit Farbe – schwarzer Farbe natürlich, aber durchsetzt mit roten, goldenen und kalten silbernen Schimmern.
Das Ergebnis ist ihr bislang stärkstes Album.
Nicht, weil Servant plötzlich alles anders machen.
Sondern weil sie endlich alles zusammenbringen, was in ihrer Musik schon immer angelegt war.
Die Raserei.
Die Wut.
Die Kälte.
Die Melodie.
Das Okkulte.
Und diese eigenartige, beinahe sakrale Schönheit, die immer dann entsteht, wenn sich eine Gitarrenmelodie über einen Blastbeat erhebt und für einen kurzen Augenblick so klingt, als würde irgendwo im Himmel ein schwarzes Kirchenfenster zerbrechen.
„Lux Ex Inferis“ ist das Licht, das aus diesem Bruch fällt.
Und man sollte ihm folgen.
Albuminfo
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Punkte |
4/5 |
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Label |
AOP |
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Veröffentlichung |
10/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Deutschland |
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Genre |
Black Metal |
Tracklist
01. In Noctem
02. Tabula Rasa
03. Glorification
04. Thanatos, Embrace Of The Night
05. De Profundis
06. Lux Fulget
07. Stones, Sleep And Death
08. The Accuser
09. Hypnos I See You
