Krankenbericht

Patient: Daniel S. aus B.
Symptome: Orientierungslosigkeit, Resignation und Verwirrtheit
vermeintlicher Grund für das Krankheitsbild: eine CD namens Until Your Heart Stops

Als mich der Patient das erste Mal in meiner Praxis aufsuchte, machte er einen ziemlich verstörten Eindruck. In knappen Worten erläuterte er mir den Grund seiner Konsultation. Ueberforderung, ausgelöst durch seinen Beruf als Musikbewerter. Auf meine Frage hin, ob er denn diese Tätigkeit schon länger ausübe, reagierte er mit heftigen Gestiken der Bejahung. Er sei kein Anfänger, meinte er erregt, und er hätte gedacht, dass er schon alles gehört hätte, was es denn überhaupt geben könne, dass ihn nichts mehr aus der Fassung bringe und er jederzeit Herr der Lage sei. Doch dann sei ihm diese CD untergekommen. Dieses einstündige Werk mit dem Namen Until Your Heart Stops, aufgenommen von einer Musikgruppe namens Cave In, ansässig in Boston, USA. Aufgrund der offensichtlich grossen Stressbelastung, die der Patient zu diesem Zeitpunkt ausgesetzt schien, kam ich nicht umhin, die Sitzung für einige Minuten zu unterbrechen, um dem Patienten die Möglichkeit zu geben, sich etwas zu beruhigen.

Nach einer kurzen Pause bat ich den Patienten, mir seine ungefilterten Eindrücke über dieses Werk zu schildern, ohne darüber nachzudenken oder gar zu kategorisieren. Er meinte, er habe alles mögliche in dieser Musik gehört. Hardcore beispielsweise, aber auch Death Metal Riffs der früheren Generation, Geschreie, hochmelodisches Gesingsel, Progrock Einlagen und überaus schräge Tonfolgen, meist durch die Gitarre wiedergegeben. Das sei aber nur eine Auswahl von dem, was es auf Until Your Heart Stops alles zu hören gäbe, und das wirklich Schlimme dabei sei, dass all diese Elemente in den einzelnen Titeln durcheinandergewirbelt würden, quasi wie bei einem Eintopf. Der Patient meinte weiter, dass er sich durch diese Tatsache anfänglich nicht hätte einschüchtern lassen. Aber nach mehrmaligem Durchhören musste er feststellen, dass er diese Musik weder definieren noch nachvollziehen konnte.

Ich erklärte ihm, dass es durchaus normal sei, wenn die thematisch erfahrene und gefestigte Berufspsyche durch ein derartiges Erlebnis erschüttert würde. Das Gefühl des Versagens mache sich breit, und nach einem letzen Aufbäumen der Verzweiflung stelle sich oft die Resignation ein. Ich riet ihm, sich nicht weiter darüber Gedanken zu machen, denn glücklicherweise gäbe es ja noch genug Künstler, die sich an Stilvorgaben hielten, jedenfalls in einem Masse, dass die Flexibilität eines Musikbewerters nicht überstrapaziert würde. Mit einem Wort des Dankes verabschiedete sich der Patient von mir, was sicherlich als beruhigend bewertet werden kann, denn der Patient schien wieder ausgeglichen. Ein hoffentlich bleibender Zustand, denn meine Rechnung ist noch nicht raus.

Der behandelnde Arzt

Albuminfo

Punkte

 

0/5

Label

Relapse Records

Veröffentlichung

3/2001

Format

CD

Land

Genre

Metal