Fünf Jahre nach „Livslede“ kehren Sunken mit „Lykke“ zurück – einem Werk zwischen Verzweiflung, Akzeptanz und der seltsam schimmernden Idee von Glück...
Zwischen Verzweiflung und einer seltsam stillen Form der Akzeptanz spannt sich das neue Kapitel von Sunken auf. Mit „Lykke“ hat die dänische Band ein Werk erschaffen, das nicht nur musikalisch in monumentalen Bögen atmet, sondern auch existenzielle Fragen stellt: Was bleibt, wenn selbst die dunkelsten Gedanken einen nicht verschlingen? Im Gespräch sprechen Martin und Alex über fünf Jahre der Stille, über das paradoxe Versprechen von „Glück“ – und über ein Album, das eher wie ein Zustand wirkt als eine Sammlung von Songs.
Fünf Jahre der Stille liegen zwischen „Livslede“ und „Lykke“. Fühlte sich diese Pause eher wie ein Rückzug nach innen an – oder wie eine notwendige Unterbrechung, um überhaupt wieder kreativ sein zu können?
Martin: Keines von beidem. Es ist deutlich weniger interessant – hauptsächlich lag es an ständigen Besetzungswechseln. Nach Covid hatten wir nie lange genug eine stabile Besetzung, um überhaupt daran zu denken, ein neues Album zu schreiben. Unser Songwriting – oder zumindest der Punkt, an dem sich Demos wie fertige Kompositionen anfühlen – war für uns immer ein kollaborativer Prozess. Als wir im Frühjahr 2024 auf Tour gingen, konnten wir dann aber spüren, wie sich die Inspiration aufbaute, und wussten: Jetzt ist der Moment gekommen, wieder an die Arbeit zu gehen.

Der Titel „Lykke“ kann angesichts der allgegenwärtigen Melancholie des Albums beinahe provokant wirken. Was bedeutet Glück in diesem Kontext für euch – und warum war genau dieses Wort der richtige Rahmen für das Album?
Alex: Wir haben bereits an anderer Stelle über die scheinbare Ironie dieses Titels gesprochen (in einem Interview mit metal.de), deshalb zitiere ich diese Antwort lieber, anstatt zu versuchen, den Gedanken neu zu rekonstruieren:
„Zunächst einmal lässt sich das dänische Lykke nicht direkt mit dem englischen Wort Happiness übersetzen. Ein passenderes dänisches Wort für das Gefühl von Glück wäre Glæde – ein Gefühl, das übrigens im dritten Track und zweiten Single Glædesfærd untersucht und kritisiert wird. Lykke oder das Adjektiv lykkelig trägt mehr Bedeutungen in sich. Es schwingt ein Gefühl von Schicksal und existenzieller Verortung mit – und davon, genau mit diesem Platz, den man im Leben einnimmt, zufrieden zu sein.
Das klingt vielleicht wie eine nerdige Ausweichbewegung vor deiner Frage, aber dahinter steckt ein Punkt. Ja, unsere Musik und Texte bewegen sich offensichtlich im depressiven Spektrum und konfrontieren einige der schlimmsten Seiten der Existenz. Aber das Album „Lykke“ zu nennen, ist nicht einfach nur ein satirischer Witz auf unsere eigenen Kosten. Es ist auch der Versuch, die Akzeptanz der eigenen Position in der Welt auszudrücken – egal wie schrecklich sie sich immer wieder zeigt. Eine Akzeptanz, zu der wir auf die eine oder andere Weise gelangen müssen. Ich meine: Man könnte dieses Leben auch verlassen. Aber wenn man das nicht tut – und die meisten Menschen tun es nicht –, dann sollte man besser lernen, die Umstände zu akzeptieren.“
Jeder der vier Tracks entfaltet sich in langen, monolithischen Bögen. An welchem Punkt im Schreibprozess merkt ihr, dass ein Stück diese Länge braucht – statt einer kompakteren Form?
Alex: Gute Frage. Wir haben nicht bewusst versucht, bei jedem Song die Zehn-Minuten-Marke zu überschreiten – es musste einfach so sein. Einige frühere Sunken-Tracks waren kürzer, und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass wir in Zukunft noch längere Kompositionen schreiben. Ein vier- oder fünfminütiger Song würde allerdings wenig Raum lassen, um mit den Kontrasten und kompositorischen Werkzeugen zu arbeiten, die wir einsetzen. Darauf gehe ich in deiner nächsten Frage noch etwas genauer ein.
Stille und Zurückhaltung spielen auf „Lykke“ eine ebenso wichtige Rolle wie Blastbeats und dichte Klangwände. Wie bewusst gestaltet ihr die Übergänge zwischen Ruhe und Ausbruch?
Alex: Sehr bewusst. Es ist nichts Einzigartiges – und gerade in unserer Spielart von Black Metal durchaus üblich –, den Kontrast zwischen Introspektion und aggressivem Ausbruch zum zentralen Ankerpunkt des Songwritings zu machen. Wir sind offensichtlich stark von Post-Rock inspiriert, wahrscheinlich sogar mehr als von Black Metal im Allgemeinen. Deshalb sind Crescendi, Klimaxe und auch der Rückzug in etwas, das beinahe wie Stille wirkt, ein zentraler Bestandteil unseres Sounds.
Die orchestralen Elemente, Chöre und Streicher wirken integraler Bestandteil der Musik und nicht bloß dekorativ. Wann habt ihr entschieden, dass diese Klangfarben eine zentrale emotionale Ebene des Albums werden sollen?
Alex: Um es ganz direkt zu sagen: Auf „Lykke“ mussten wir größer denken. Wir haben nicht unbedingt erwartet, dass es im Hinblick auf das Songwriting besser wird als „Livslede“ – darüber lässt sich wahrscheinlich auch streiten. Aber schon früh im Produktionsprozess fühlte es sich natürlich an, etwas Größeres anzustreben. Manchmal ist weniger mehr, aber wir wollten, dass der Sound dieses Albums deutlich vielschichtiger wird und eine umfassende Atmosphäre transportiert, anstatt sich auf einzelne Riffs zu stützen oder bestimmte Passagen das Album tragen zu lassen.
Der Gesang bewegt sich zwischen kontrolliertem Krächzen und beinahe entfesselten Schreien. Entstehen diese Extreme aus spontaner emotionaler Entladung – oder sind sie bewusst komponierte Eskalationspunkte?
Martin: Ich denke, ich wähle den Gesangsstil ziemlich bewusst. Die neueren, entfesselteren Vocal-Stile müssen sparsam eingesetzt werden, sonst verlieren sie ihre Wirkung – zumindest in unserer Musik. Wie die anderen Instrumente sind auch die Vocals ein Werkzeug, um Kontraste in den Emotionen zu zeichnen, die unsere Musik transportiert.
„Lykke“ wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Songs als wie ein zusammenhängender emotionaler Zustand. Seht ihr das Album eher als Reise, als Ritual – oder als Spiegel einer bestimmten Phase eures Lebens?
Alex: Ich versuche, mich hier kurz zu halten, denn zu viel Erklärung kann schnell nach hinten losgehen. Unsere Musik und Texte sind natürlich persönlich, aber die Welt, die wir erschaffen, ist von unseren individuellen Leben abstrahiert. Auf „Lykke“ wollten wir die Frage stellen: Was bleibt übrig – und wohin wendet man sich –, wenn eine suizidale Depression nicht dazu geführt hat, dass man sein Leben beendet? Darauf haben wir keine endgültige Antwort. Aber wir haben versucht, mögliche Wege aufzuzeigen, wie man darauf reagieren könnte. Und natürlich all die neuen Fragen, die aus jeder dieser Antworten entstehen.
Die Texte und Titel bleiben tief in der dänischen Sprache verwurzelt. Was erlaubt euch eure Muttersprache auszudrücken, das im Englischen verloren ginge?
Martin: Emotionen sind unmittelbar, sie kommen direkt aus dem Kopf heraus. Man kann sie später analysieren – aber wenn man in dem Moment, in dem man spricht, erst über die richtigen Worte nachdenken muss, verliert man etwas von sich selbst. Auf Dänisch zu singen erlaubt es mir, jede noch so kleine Übersetzungsbarriere zu umgehen. Es ist eine Feier der Ehrlichkeit – und davon, sich selbst treu zu bleiben.
Die Aufnahme, der Mix und das Mastering mit Johan Emanuel Jørgensen haben eine sehr geschlossene Klangvision entstehen lassen. Wie wichtig war dieses Vertrauen, um das fragile Gleichgewicht zwischen Aggression und Verletzlichkeit einzufangen?
Alex: Johan ist im Grunde – wenn es darum geht, alles so zusammenzuführen, wie wir es uns vorstellen – das sechste Mitglied von Sunken. Wir vertrauen seinen Fähigkeiten, Ideen und Visionen für unseren Sound und unser Songwriting zu hundert Prozent. Es ist ein großes Privileg, mit ihm arbeiten zu können.

Wenn „Når Livet går på Hæld“ ein Ende markiert – steht „Lykke“ für euch dann für einen Abschluss? Oder eher für die Bereitschaft, in einem Zustand zu verweilen, der noch lange nach dem letzten Ton nachhallt?
Alex: Großartige Frage – wenn ich sie richtig verstehe. „Lykke“ wurde unglaublich gut aufgenommen und wir sind sehr stolz auf das Ergebnis. Trotzdem dachten wir direkt nach der Veröffentlichung schon an das nächste Album. Da wir unseren Sound und unsere lyrische Welt weiterentwickeln müssen, spekulieren wir natürlich bereits über das nächste Thema. „Lykke“ könnte ein Ende sein – aber es wird keines bleiben. Wir wollen, dass die Hörer in der Schwebe der letzten Töne verweilen, wie du es formuliert hast, und gleichzeitig verstehen, dass hier ein Abschnitt der Reise endet. Wir möchten, dass man einen Abschluss empfindet, ohne sofort nach dem nächsten Eindruck zu verlangen – selbst wenn man weiß, dass er kommen wird.
Vielen Dank! Am Ende bleibt „Lykke“ wie ein ferner Nachhall im Nebel stehen – nicht als Antwort auf die Fragen, die Sunken stellen, sondern als stilles Weitergehen durch eine Welt, deren Dunkelheit man irgendwann nicht mehr besiegt, sondern einfach annimmt.
