Zwischen Eisen und Asche spricht Lömsk über den Reiz des Untergangs – und warum er kein Versprechen, sondern eine Prüfung ist...
Zwischen rauchgeschwärzten Horizonten und der stählernen Stille einer Welt im Umbruch erhebt sich Lömsk wie ein Schattenriss im Gegenlicht. Mit „Act II – Of Iron and Blood“ setzt die Band ihre düstere Erkundung von Verfall, Disziplin und zyklischer Zerstörung fort – nicht als Pose, sondern als Seziermesser. Was hier erklingt, ist kein lärmender Alarmismus, sondern eine kontrollierte Eruption: komponierte Kälte, gebündelte Wucht, Gedanken in Rüstung.
Im Gespräch öffnen sich Risse im Metall. Es geht um die Ästhetik des Zusammenbruchs, um Extreme in einer überreizten Gegenwart, um Anonymität im Zeitalter der Selbstvermarktung – und um die Frage, ob Kollaps nicht nur Ende, sondern auch unausweichlicher Taktgeber ist. Ein Dialog über Feuer und Form, über Schatten und Strenge – und über die Kunst, im Lärm der Welt unbeirrbar zu bleiben.
„Act II – Of Iron and Blood“ zeichnet den Zusammenbruch als etwas beinahe Notwendiges – ja Reinigendes. Besteht nicht die Gefahr, dass eine solche Ästhetisierung den Niedergang romantisiert? Oder liegt gerade in diesem Unbehagen der Kern der Sache?
Ich verstehe diesen Einwand, denn wenn man Kollaps durch eine ästhetische Linse betrachtet, kann das leicht wie Verherrlichung wirken. Doch genau das ist nicht die Absicht. Feuer und Zerfall erscheinen nicht als Spektakel, sondern als Realität – und diese Realität ist unbequem, oft brutal.
Zerstörung war historisch immer mit Wandlung verflochten. Sie kann Raum für Erneuerung schaffen, aber das macht sie weder schön noch wünschenswert. Es geht nicht um Feierlichkeit, sondern um Reflexion. Wandel zwingt zur Konfrontation, verlangt Selbstprüfung – und dieser Prozess ist selten angenehm. „Act II – Of Iron and Blood“ verherrlicht den Untergang nicht, es untersucht ihn. Es sammelt Ideen, Erfahrungen, Zeugnisse aus einer Welt, die uns umgibt. Wenn dabei Unbehagen entsteht, dann ist dieses Unbehagen vielleicht notwendig.

Eure Antwort betont die Reflexion statt der Verklärung, das ist spannend. Eure Musik wirkt jedoch zugleich diszipliniert, kontrolliert, beinahe militärisch strukturiert – während sie zivilisatorische Hybris anklagt. Spiegelt ihr bewusst die Maschinerie, die ihr kritisiert, indem ihr klangliche Imperien errichtet, nur um sie wieder einzureißen?
Disziplin ist keine Hybris, und Kontrolle ist keine Arroganz. Struktur ist für uns Methode, kein Machtbekenntnis. Sie erzeugt Spannung, Intentionalität – nicht Exzess.
Aber ja, in gewisser Weise ist es ein dunkler Spiegel. Wir setzen Starrheit und Kraft bewusst ein.
Dieser Gedanke des dunklen Spiegels passt zu einer Stadt wie Göteborg, deren globales Image noch immer stark mit melodischem Death Metal verbunden ist – mit Bands wie At the Gates, In Flames oder Dark Tranquillity. Fühlt ihr euch in der Erzählung eurer eigenen Stadt übersehen, oder schenkt euch dieser Schatten kreative Freiheit?
Es stimmt, dass Göteborg international mit melodischem Death Metal assoziiert wird, besonders durch diese Bands. Dieses Erbe ist real und prägt die Wahrnehmung der Stadt. Aber es ist nur ein Kapitel in einer viel größeren musikalischen Landschaft.
Wir fühlen uns weder übersehen noch durch diesen Schatten definiert. Wenn überhaupt, stärkt eine so starke Tradition unsere Eigenständigkeit. Wir machen die Musik, die wir selbst hören wollen – unabhängig davon, wie die Stadt von außen gebrandet wird.

Diese Eigenständigkeit führt zu einer weiteren Frage: Black Metal lebte historisch von Extrem und Grenzüberschreitung. In einer Zeit, in der Schock algorithmisch verwertet wird und Empörung zur Währung geworden ist – was bedeutet „extrem“ für euch heute überhaupt noch?
Im Kern bedeutet „extrem“, fern der Norm zu existieren – am äußeren Rand von etwas zu operieren, sei es ästhetisch, emotional oder intellektuell. Im Jahr 2026 kann extrem vielleicht schlicht heißen, sich nicht zu verwässern.
Dieses Nicht-Verwässern zeigt sich auch in eurer Anonymität. Ihr entzieht euch der Personenkultur – doch auch Geheimnis kann zur Marke werden. Wie verhindert ihr, dass die Maske selbst zum verkäuflichen Ornament wird?
Wäre es falsch, wenn sie es würde? Ich weiß es nicht – aber darum geht es nicht. Ziel war nie, ein Image zu erschaffen, das sich verkauft. Wir wollten etwas, das heraussticht und den Fokus weg von uns selbst lenkt. In diesem Sinne ist uns das gelungen.
Wenn der Fokus weg vom Individuum geht, bleibt oft die große Erzählung. Eure Texte zeichnen die Menschheit als zyklisch, selbstzerstörerisch, beinahe von Grund auf dem Untergang geweiht. Glaubt ihr wirklich an die Unausweichlichkeit des Kollapses – oder ist das eine bewusst gewählte Linse künstlerischer Verdichtung?
Wenn uns die Geschichte etwas gelehrt hat, dann, dass Zusammenbruch unausweichlich ist. Zivilisationen, Ideen, Menschen – alles endet. Etwas verschwindet, etwas anderes tritt an seine Stelle. Es ist ein Kreislauf, unaufhörlich, unerbittlich.

Trotz dieser Unerbittlichkeit klingt in euren Arrangements eine fast klassische Strenge an. Ihr nennt Komponisten als Inspirationsquellen. Seht ihr euch eher als Komponisten, die Metal spielen – oder wäre das eine Überintellektualisierung von etwas eigentlich Ursprünglichem?
Das ist vielleicht das Privileg, Metal zu spielen: Man kann beides sein. Beim Schreiben sind wir Komponisten und Produzenten, auf der Bühne Musiker. Beide Rollen sind gleich wichtig und formen einander.
Diese doppelte Rolle spürt man auf „Act II – Of Iron and Blood“, das von Kälte und Strenge dominiert wird. Selbst die hymnischen Momente wirken asketisch statt erhebend. Gab es je die Versuchung, Hoffnung stärker einzulassen – und habt ihr sie bewusst zurückgewiesen?
Die Platte ist sicherlich von einer kühlen, strengen Atmosphäre geprägt, doch es gibt auch Wärme. Wir versuchen mehr Grautöne zu erkunden, als in dieser Szene üblich sind. Es gibt Lichtschimmer – klein, selten, weit auseinander –, aber sie existieren. Und gerade dieser Kontrast ist wichtig.
Wenn im ersten Akt das Feuer loderte und im zweiten das Eisen sprach – werden diese Elemente zur Doktrin für Lömsk? Entsteht hier eine Mythologie, die künftige Werke leiten wird?
So sehen wir das nicht wirklich. Es stimmt, dass „Act II – Of Iron and Blood“ an den ersten Akt anschließt, aber das war kein bewusst gefasster Plan. Es fühlte sich unterwegs einfach wie eine natürliche Entwicklung an. Was das nächste Kapitel betrifft, wissen wir es noch nicht – wir lassen es organisch wachsen.

Und wenn dieses organische Wachsen eines Tages abrupt endete – kein dritter Akt, kein finales Manifest: Wäre das nicht die konsequenteste Form von Ehrlichkeit? Ein Projekt über Vergänglichkeit, das sich selbst nicht überlebt?
Wir betrachten keine Veröffentlichung als unvollständig. Jede steht für sich, ist ein abgeschlossenes Statement. Ein „letztes Wort“ ist in diesem Sinne nicht notwendig.
Sollte jedoch jemand absolute Ehrlichkeit im plötzlichen Ende sehen, könnte auch das passen. Doch Lömsk war nie nur eine Meditation über Vergänglichkeit. Es ist eine Bewegung, ein Vorantasten, ein Drängen von Ideen – nicht das Schließen eines Kapitels um der Finalität willen.
