Es gibt Bands, die spielen mit dem Tod. Und es gibt Mayhem, die vom Tod gezeugt wurden wie von einer kalten, norwegischen Urmutter aus Frost und Schrotflintenrauch. 1984 nahe Oslo gegründet, taumelten sie durch Sänger wie durch leere Gräber, bis 1988 der schwedische Jüngling Per Yngve Ohlin erschien – Dead. Ein Name wie ein Omen. Seine Bühnenpräsenz war kein Theater, sondern Selbstzerstörung als Liturgie. 1991 erschoss er sich, bevor er je ein reguläres Album eingesungen hatte; seine Stimme kroch erst posthum aus Liveaufnahmen, eine davon geschmückt mit dem Foto seines eigenen Leichnams neben der Waffe. Zwei Jahre später wurde Gitarrist Euronymous (Øystein Aarseth) von Varg Vikernes von Burzum erstochen. 1994 erschien endlich das Debüt "De Mysteriis Dom Sathanas" – mit Euronymous an der Gitarre und Vikernes am Bass. Eine der wenigen Studioarbeiten, bei denen Mörder und Opfer im selben Line-up stehen. Schwarze Messe als Gerichtsprotokoll.

Dank Bücherregalen, Filmen und VH1-Nachmittagsfolklore ist das längst Rockgeschichte 101. Was gern verschwiegen wird: Mayhem sind nicht im Blut ertrunken. Sie haben sich gehäutet. Necrobutcher und Hellhammer hielten den Kadaver am Leben, später wuchsen neue Glieder nach. "Grand Declaration of War" war ein industrieller Störfall, "Chimera" atavistische Raserei, und mit Attila Csihar kehrte die Stimme zurück, die schon auf "De Mysteriis Dom Sathanas" wie eine dämonische Beschwörung durch die Katakomben hallte.

Nun also "Liturgy of Death", siebtes Studioalbum, viertes seit Attilas Rückkehr. Und hier beginnt die Provokation: Eine neue Mayhem-Platte fühlt sich heute … normal an. Kein Kirchenbrand, kein Mordprozess, kein Mythos, der noch nicht tausendfach ausgeschlachtet wurde. Stattdessen Kontinuität: Attila, Necrobutcher, Hellhammer, Ghul, Teloch. Die stabilste Besetzung ihrer Geschichte. Black Metal als eingespielte Maschine.

Die Produktion? Glasklar. Keine kartoffelgebackenen Kassettenrekorder mehr, sondern chirurgische Präzision. In "Despair" und "Aoen’s End" schlagen die Drums wie ein sezierter Herzmuskel auf dem Stahltisch; in "Propitious Death" wird die Doublebass zur klinischen Demonstration. Der Bass darf wühlen, die Gitarren tremolieren und fräsen chromatisch durch die Schädeldecke. Alles sitzt. Alles klingt teuer. Alles klingt – gefährlich sauber.

Und genau hier liegt der Fluch. Mayhem waren einst ein Fiebertraum, ein unkontrollierbarer Ausbruch metaphysischer Gewalt. Heute sind sie Handwerker ihres eigenen Abgrunds. "Liturgy of Death" vollendet eine Trilogie ritueller, atmosphärischer Werke nach "Esoteric Warfare" und "Daemon". Ehrfürchtige Verneigung vor der zweiten norwegischen Welle, weniger Wagnis als damals bei "Grand Declaration of War". Barnburner wie "Despair" und "Weep for Nothing" funktionieren, weil Ghul und Teloch das Fundament verstehen. Blastbeats wirbeln, Tremolos knirschen – sie wissen, was sie tun.

Doch Wissen ist nicht Wahnsinn.

Die stärksten Momente entstehen, wenn Attila das Korsett sprengt. In "Realm of Endless Misery" fällt das Arrangement auseinander, übrig bleiben sein gurgelndes Kauderwelsch und ein fiebriger Bass. In "The Sentence of Absolution" kippt das Dauerfeuer in hypnotisches Tribal-Drumming, als hätte kurz Iggor Cavalera die Felle übernommen. Da atmet die Platte. Da droht sie wieder, unberechenbar zu werden. Leider zu selten.

Thematisch widmet sich "Liturgy of Death" der Philosophie der Sterblichkeit, dem Tod als Tor zu höherem Sein. Worte, die man erst schreiben kann, wenn man seine Zwanziger überlebt hat – was bei Mayhem einem Wunder gleicht. Die Gräber von Dead und Euronymous werfen lange Schatten, und die Band gießt noch immer Blumen darauf. In "Weep for Nothing" heißt es: „Death’s gates open alike to all.“ Eine Einladung? Eine Drohung? Oder nur noch Pose?

Hier wird es unbequem: Mayhem leben heute auch von ihrer Legende. Vier Jahrzehnte, sieben Alben – eine erstaunlich schlanke Diskografie für eine Band mit diesem Ruf. "Liturgy of Death" ist stark, ja. Apokalyptisch, finster, technisch überlegen. Aber sie kratzen nicht mehr an der Wirklichkeit, sie illustrieren sie. Die Produktion ist mitunter zu steril, manche Passagen dehnen sich, bis die Raserei Routine wird. Der Opener "Ephemeral Eternity" (mit Garm von Ulver) deutet Experiment an – doch der Mut verflüchtigt sich, und vieles verschwimmt im gleichförmigen Mahlstrom.

Provokativ gesagt: Mayhem sind heute eine exzellente Black-Metal-Band. Nicht mehr der schwarze Riss im Gefüge der Kultur, sondern ein Monument, das sich selbst pflegt. Elite? Unbestritten. Unantastbar? Nein. "Liturgy of Death" ist kein Sakrileg, aber auch keine Offenbarung. Es ist die Klang gewordene Altersweisheit von Männern, die den Tod überlebt haben – und ihn nun mit sauber gestimmten Instrumenten besingen.

Vielleicht ist das die größte Blasphemie von allen.

Albuminfo

Punkte

 

3/5

Label

 

Century Media

Veröffentlichung

 

02/2026

Format

 

CD

Land

 

Norwegen

Genre

 

Black Metal

Trackliste


1. Ephemeral Eternity (feat. Garm, Ulver) 06:46
2. Despair 06:41
3. Weep for Nothing 07:04
4. Aeon's End 04:55
5. Funeral of Existence 05:55
6. Realm of Endless Misery 04:56
7. Propitious Death 05:04
8. The Sentence of Absolution 07:28