Fünf Jahre Stille können wie eine Gruft wirken. Doch was in der Dunkelheit gärt, gewinnt an Schärfe. Mit "Forebode" kehren Saille – einst in Belgien geschmiedet, heute zwischen den Niederlanden und Spanien verstreut – nicht einfach zurück. Sie treten hervor wie ein Orden, der sein altes Banner neu bestickt hat: episch, atmosphärisch, mit jener melodischen Klinge, die schneidet, ohne stumpf zu werden.
Veröffentlicht wurde das sechste Werk über Non Serviam Records, und schon das Artwork zieht den Blick hinein wie ein düsteres Omen am Horizont. Es verheisst Untergang, aber auch Erhabenheit – genau jene Dualität, die das Album durchzieht.
"Forebode" ist eine bewusste Rückbesinnung auf die eigene DNA. Die Band schärft ihre Identität, indem sie Atmosphäre nicht als Beiwerk, sondern als Fundament begreift. Der Opener "Deception Of Decadence" schlägt die Tore weit auf: galoppierende Rhythmen, fiebrige Gitarren, orchestrale Schichten, die wie Kathedralen aus Rauch emporragen. Sänger Jesse Peetoom zeichnet hier einen inneren Abstieg nach – Dunkelheit, Verfall, das langsame Auslöschen von Identität. Die Musik trägt diese Themen nicht nur, sie verkörpert sie.
Was sofort auffällt, ist die Produktion: druckvoll, modern, mit einer Klarheit, die jede Nuance sichtbar macht. Selbst die drei Live-Stücke der CD-Version wurden neu abgemischt und wirken keineswegs wie blosses Bonusmaterial, sondern wie lebendige Beweise der Bühnenmacht dieser Formation. Die digitale Version konzentriert sich auf die Essenz und kommt ohne diese Live-Dokumente auf rund 25 Minuten – die CD hingegen entfaltet mit knapp 52 Minuten das volle Panorama.
Im Zentrum des Albums thront "Reminiscence Of Regrets". Ein Sturm in Noten gegossen. Aggressiv im Antritt, doch stets von Melodie durchzogen, mit akustischen Einschüben und klugen Tempowechseln, die dem Stück Atem verleihen. Hier zeigt sich die Stärke von Saille: Riffs, die eingängig sind, ohne banal zu wirken; Dynamik, die Spannung aufbaut, statt sie zu verschleudern. Dieser Song ist nicht nur ein Anspieltipp – er ist das pulsierende Herz von "Forebode".
Auch die Neuinterpretationen fügen sich nahtlos ein. "Haunter Of The Dark 2025" – ursprünglich auf dem 2013 erschienenen Album Ritu beheimatet – wurde nicht einfach entstaubt, sondern neu geboren. Die überarbeitete Produktion verleiht dem Stück eine Wucht, die es organisch mit dem aktuellen Material verschmelzen lässt. Ähnlich verhält es sich mit "Eater Of Worlds (Extended Classical Version)", dessen Ursprungsform auf Eldritch zurückgeht. Die erweiterte klassische Instrumentierung und die akzentuierten Drum-Parts verleihen dem ohnehin monumentalen Song eine zusätzliche kosmische Dimension – Lovecraft’sche Abgründe inklusive.
"Echoes Of Empathy" und "Cycles Of Cynicism" vertiefen den rituellen Charakter des Albums mit gesprochenen, fast beschwörenden Passagen, ohne an Tempo einzubüssen. Stattdessen entsteht der Eindruck einer Liturgie aus Feuer und Schatten. Die Grundgeschwindigkeit bleibt hoch, doch immer wieder öffnen sich Räume für Melancholie, für nordische Kälte, für orchestrale Erhabenheit.
Die drei Live-Stücke – "Maere", "Tephra" und "Plaigh Allais" – zeigen schliesslich, dass diese epische Wucht nicht im Studio verharrt. Violinen-Passagen, dynamische Wechsel und Peetooms Stimme zwischen predigender Autorität und rasender Inbrunst machen deutlich: Diese Band versteht es, ihre Vision auch auf die Bühne zu übertragen.
Mit "Forebode" liefern Saille ein Album ab, das retrospektiv wirkt und zugleich erneuert. Es spricht Hörer an, die Black Metal nicht nur als Raserei, sondern als orchestrale Erzählung begreifen – als Spannungsfeld zwischen Aggression und Erhabenheit. Die Dynamik, die vielen Feinheiten, die eingängigen, aber niemals simplen Gitarrenlinien machen diese Veröffentlichung zu einem Geheimtipp im melodischen und atmosphärischen Black Metal.
Dass die Vinyl-Version bereits vergriffen ist, überrascht kaum. Manche Omen verweilen nicht lange.
Albuminfo
|
Punkte |
4/5 |
|
|
Label |
Vendetta |
|
|
Veröffentlichung |
03/2026 |
|
|
Format |
CD |
|
|
Land |
Niederlande |
|
|
Genre |
Black Metal |
Trackliste
01. Deception of Decadence
02. Echoes of Empathy
03. Cycle of Cynicism
04. Reminiscence of Regrets
05. Haunter of The Dark 2025
06. Eater of Worlds (Extended Classical Version)
07. Maere [Live @ Metal Méan Festival]
08. Tephra [Live @ Metal Méan Festival]
09. Plaigh Allais [Live @ Graspop Metal Meeting]
