Über den winterbleichen Strassen von Montréal, wo der Atem gefriert und das Licht wie Staub auf den Backsteinfassaden hängt, schlagen Miserere Luminis erneut ihre schwarzen Banner auf. Seit 2008 meisseln sie an einer Form des Atmospheric Black Metal, die nicht bloss traurig ist, sondern von einer schneidenden, existenziellen Dringlichkeit durchzogen. Mit "Sidera" vollenden sie nun den Weg, den sie auf "Ordalie" eingeschlagen haben – und richten den Blick von der Asche zum Sternenfirmament.

Veröffentlicht über Debemur Morti Productions, wirkt "Sidera" wie eine nächtliche Himmelskarte: jeder Song ein Stern, jeder Ausbruch ein Komet, der kurz die Finsternis zerreisst. Die Band – Annatar, Neptune und Icare – webt ein dichtes Gewebe aus leidenschaftlichem Black Metal, cineastischen Klanglandschaften und kontemplativen Zwischentönen. Das Resultat ist keine blosse Fortsetzung, sondern eine Transfiguration.

Wo "Ordalie" noch tastend durch ein Dickicht aus Schmerz und Wut schritt, öffnet "Sidera" die Szenerie. Die Produktion ist klar wie Eis, doch mit genau jenem Körnchen Schmutz im Getriebe, das den Zahnrädern Knirschen verleiht. Gitarrenlinien steigen empor wie Polarlichter über dem Sankt-Lorenz-Strom, hypnotische Arpeggien pulsieren in post-rockiger Weite, während darunter die nackte Verzweiflung des DSBM flackert. In diesen Momenten fühlt man sich an Sombres Forêts erinnert – an jene Mischung aus introvertierter Melancholie und frostiger Grandezza, die aus Québec seit Jahren in die Welt hinausweht.

Doch Miserere Luminis sind weniger introvertiert, weniger in sich gekehrt. "Sidera" atmet grösser. Dynamische Klavierpassagen tropfen wie Tau von zerborstenen Kirchenfenstern, Streicher ziehen weite, wehende Bögen durch das Klangbild. Das Schlagzeug arbeitet mit rhythmischer Finesse – mal treibend, mal beinahe tastend –, als würde es die Musik durch unsichtbare Strömungen lenken.

Über allem thront der Gesang: ein Herz-auf-der-Zunge-Vortrag, der Tragik und Zorn nicht trennt, sondern verschmilzt. Diese Stimme klingt, als würde sie im selben Moment zerbrechen und neu geboren werden. Dunkle kinetische Energie prallt auf Momente von beinahe schmerzhafter Schönheit. Wenn die Gitarren in beauteöser Verzückung aufleuchten, fühlt es sich an, als risse ein Wolkenmeer auf und gäbe für Sekunden den Blick auf ferne, kalte Sterne frei.

Gastbeiträge – etwa der aufrechte Bass von Sylvaine Arnaud – fügen dem Ganzen eine organische Tiefe hinzu, als würde unter dem frostigen Mantel ein warmes, pochendes Herz schlagen. Das Mastering durch Tehom Productions sorgt dafür, dass jedes Detail scharf umrissen bleibt, ohne der Musik ihre atmende Weite zu nehmen. Adam Burkes Gemälde für das Artwork wirkt wie ein Portal: kosmisch, einsam, von jener Schönheit, die nur im Angesicht der Leere existiert.

"Sidera" oszilliert zwischen Abgrund und Aufstieg. Es ist melancholisch, ja – doch nicht hoffnungslos. In seiner Trauer liegt ein unbeugsamer Wille zu existieren, ein trotziges Weiteratmen unter bleigrauem Himmel. Miserere Luminis haben ein Epos geschaffen, das nicht nur erschüttert, sondern erhebt.

Wie Sterne, die nur im Dunkel sichtbar werden, leuchtet "Sidera" am hellsten dort, wo alles andere zu versinken droht.

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Debemur Morti

Veröffentlichung

 

03/2026

Format

 

CD

Land

 

Kanada

Genre

 

Black Metal

Trackliste


1.    Les fleurs de l’exil
2.    De cris & de cendres
3.    Aux bras des vagues & des vomissures
4.    À la douleur de l’aube
5.    Dans la voie de nos lumières