Mit „Arbor“ legen Wazzara ihr bislang kühnstes, reifstes und zugleich radikalstes Werk vor – ein Album, das nicht einfach gehört, sondern durchschritten werden will wie ein uralter, flüsternder Wald. Zehn Jahre nach der Gründung durch Barbara Brawand erhebt sich die Band mit ihrem vierten Release zu einer künstlerischen Selbstermächtigung, die ihresgleichen sucht.

Bereits der Opener „9 Confines“ (mit Intro von Martin Korth & Barbara Brawand) öffnet ein Portal: schwebende Atmosphären, die sich langsam verdichten, bis Andrei Jumugăs Drums wie fernes Donnergrollen einsetzen. Es ist kein gewöhnlicher Einstieg – es ist eine Initiation. Hier wird klar: "Arbor" ist kein Album, das gefallen will. Es fordert. Und es belohnt.

Musikalisch verschmelzen Atmospheric Black Metal, Doom und Blackgaze zu einer organischen Einheit, die weder konstruiert noch kalkuliert wirkt. Vielmehr scheint alles aus einem gemeinsamen Wurzelwerk gespeist – ein Bild, das das Albumkonzept kongenial aufgreift. Die Songs erzählen von einer Kraft, die nie gebrochen wurde, nur verschüttet lag. Von Stimmen, die nun wieder emporsteigen.

Barbara Brawands Gesang ist dabei das Herzstück dieses Werks. Sie singt, haucht, klagt, beschwört – und wenn nötig, brennt sie alles nieder. Zwischen kristallklarer Intimität in „Hollow“ oder „Indigo Sleep“ und eruptiver Wucht in „Nova“ entfaltet sie eine emotionale Spannweite, die ihresgleichen sucht. Ihre Lyrics sind keine bloßen Texte, sondern poetische Manifestationen von Selbstermächtigung und Erinnerung. Sapere aude.

Die Gitarren von Tom Kuzmic und Mäsi Stettler erschaffen dichte, teils fragile, teils monumentale Klanglandschaften. George Necolas Bass verleiht dem Ganzen ein dunkles Fundament, das pulsiert wie Saft im Stamm eines uralten Baumes. Und Andrei Jumugă – als Produzent und Drummer – gießt all das in eine Form, die gleichermaßen erdig wie ätherisch wirkt. Seine Handschrift ist subtil, aber entscheidend: Dynamik wird hier nicht nur gespielt, sie wird inszeniert.

Dass das Album in enger Zusammenarbeit mit Andrei Jumugă entstand – bekannt durch seine Arbeit mit Dordeduh oder Ordinul Negru – ist hörbar. Ebenso spürt man im Mix von Andreas Rosczyk (Goblin Sound Studio) eine Klarheit, die selbst in dichtesten Passagen Transparenz bewahrt. Gekrönt wird das Ganze vom Mastering Martin Korths, der bereits mit Björk oder Unkle gearbeitet hat und „Arbor“ jene letzte, leuchtende Patina verleiht.

Ein besonderer Höhepunkt ist „zessa (reborn)“, die Neuinterpretation des 2019er Stücks vom „Zessa“-EP. Über die Jahre auf der Bühne gereift, trägt diese Version eine zusätzliche Persona in sich – größer, tiefer, selbstbewusster. Sie ist nicht einfach ein Remake, sondern eine Wiedergeburt im eigentlichen Sinn: Ein Song, der sich selbst überlebt hat und nun in voll entfalteter Gestalt dasteht.

Überhaupt: „Arbor“ wirkt wie ein organisches Ganzes. Die Stücke – geschrieben zwischen 2023 und 2025 – greifen ineinander wie Jahresringe. „Her Ashes Down The River“ fließt dunkel und würdevoll, „Dandelion“ überrascht mit einer fast zerbrechlichen Melodik, während „Oceans“ erneut jene hypnotische Sogwirkung entfaltet, die Wazzara live längst zur kultischen Erfahrung macht.

Produziert wurde in den eigenen Studios in der Schweiz sowie im Consonance Studio in Timișoara – eine geografische wie emotionale Brücke zwischen alpiner Klarheit und osteuropäischer Tiefe. Diese Dualität durchzieht das gesamte Album.

Mit „Arbor“ lösen sich Wazzara endgültig von stilistischen Zuschreibungen. Post Metal? Blackgaze? Doom? Ja – und weit mehr. Vielleicht braucht es ein neues Wort. Vielleicht ist es schlicht Wazzara.

Dieses Album ist eine Einladung an alle, die keine Angst haben, vom wilden Baum zu kosten. Es ist dunkel, schwer, wunderschön. Ein Werk über Verwurzelung und Aufbruch, über Erinnerung und Rebellion. Über das Wissen, dass wir nie vom Baum getrennt waren – wir sind Wurzel, Stamm und Krone zugleich.

Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur Musik hören. Er wird wachsen.

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Eigenproduktion

Veröffentlichung

 

02/2026

Format

 

CD

Land

 

Schweiz

Genre

 

Black Metal/Doom Metal/Blackgaze

Trackliste


1. 9 Confines 7:03
2. Hollow 5:36
3. Her Ashes Down T he River 5:47
4. Indigo Sleep 5:46
5. Dandelion 4:21
6. Nova 6:16
7. Oceans 5:33
8. zessa (reborn) 8:08