Mit Pure Wrath war schon auf „Hymn to the Woeful Hearts“ klar: Hier arbeitet kein blosser Klangarchitekt, sondern ein Chronist innerer Verwüstung. Mit „Bleak Days Ahead“ hebt Pure Wrath dieses Narrativ nun auf eine andere Ebene – weg von der grossen historischen Tragödie, hinein in die klaustrophobische Monotonie der Gegenwart. Die Hölle ist nicht mehr Erinnerung, sie ist Routine.

Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass Ryo die Zügel anders anzieht. Wo „Hymn to the Woeful Hearts“ noch in epischer Breite schwelgte, arbeitet „Bleak Days Ahead“ mit schärferen Kontrasten, mit bewusster Reduktion und plötzlichen Ausbrüchen. Der Vergleich zu Drudkh liegt nahe, doch während deren Melancholie wie ein endloser Horizont wirkt, ist Pure Wrath näher an der nervösen Zerrissenheit von Auðn – nur mit einer noch ausgeprägteren dramaturgischen Ader. Gleichzeitig schimmert die naturromantische Weite von Saor durch, allerdings wie durch verschmutztes Glas betrachtet.

Was dieses Album wirklich erhebt, ist seine Komposition. Jeder Song ist ein Organismus, der atmet, sich windet, sich selbst verschlingt. Ryo weiss – wie schon auf dem Vorgänger – exakt, wann ein Motiv sterben muss, damit ein neues geboren werden kann. Diese Instinktsicherheit, die bereits „Hymn to the Woeful Hearts“ so zwingend machte, wird hier noch feiner geschliffen. Wo früher Streicher und Piano trugen, treten nun Orgel, Mellotron und sogar Saxophon wie Schattenfiguren auf, die den Wahnsinn kommentieren, statt ihn zu illustrieren.

Stellenweise fühlt man sich an Hjaðningavíg von Tribes of Caïn erinnert – diese eigenartige Mischung aus roher Gewalt und fast avantgardistischer Erzählstruktur. Doch Pure Wrath wirkt fokussierter, weniger rituell, mehr existenziell. Hier geht es nicht um Mythen, sondern um das leise Zerbröckeln im Alltag.

Besonders eindrücklich: die Samples. Sie sind keine blossen Zwischenspiele, sondern wirken wie invasive Gedanken, die sich zwischen die Riffs schieben. Maschinenklänge, fragile Stimmen, urbane Geister – alles verschmilzt zu einem bedrückenden Klangbild moderner Entfremdung. „Haven of Echoes“ steht exemplarisch dafür: schleppend, fast schon erstickt, ein bewusst verlangsamter Puls, der sich irgendwann in einen schweren, sludgeartigen Abgrund ergiesst.

Und dann dieses Finale. Ein Stück, das sich anfühlt, als hätte Massive Attack beschlossen, Black Metal zu träumen. Dumpfe Beats, schleichende Atmosphäre, ein letzter Blick in den Spiegel – bevor alles im Nichts versinkt. Es ist ein Bruch, aber ein konsequenter. Denn „Bleak Days Ahead“ war nie daran interessiert, Erwartungen zu erfüllen.

Dass ein derart vielschichtiges, reifes Werk aus Indonesien kommt, wirkt fast surreal – und doch ist es genau diese geografische Distanz, die dem Album seine eigene Stimme verleiht. Keine Kopie skandinavischer Kälte, sondern ein eigenständiger, moderner Abgrund.

„Bleak Days Ahead“ ist kein Album, das dich umarmt. Es ist eines, das dich langsam ersetzt.

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Debemur Morti

Veröffentlichung

 

04/2026

Format

 

CD

Land

 

Indonesien

Genre

 

Black Metal

Trackliste

1. Bleak Days Ahead, Pt. I 10:04     
2. Bleak Days Ahead, Pt. II 10:01     
3. Haven of Echoes 07:39     
4. Spectral Insomnia 07:27     
5. Opaque Mist 06:00