Es gibt Bands, die mit jedem Album ihren Stil verfeinern. Und es gibt Bands wie Firtan, die sich stetig neu erfinden, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 hat sich die süddeutsche Formation von ihren Pagan-Black-Metal-Wurzeln immer weiter entfernt und eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt. Spätestens mit „Ethos“ wurde deutlich, dass sich Firtan nicht länger über Genregrenzen definieren wollen. „Helios“, das mittlerweile fünfte Studioalbum, führt diesen Weg konsequent weiter und präsentiert eine Band, die kreativer und selbstbewusster klingt als je zuvor.
Schon der Titel verrät, dass es sich um ein Konzeptalbum handelt. Helios, der Sonnengott der griechischen Mythologie, steht hier allerdings nicht für Wärme oder Erlösung. Vielmehr symbolisiert die Sonne absolute Klarheit. In Interviews beschrieb die Band den Kern des Albums als einen Weg zur Erleuchtung, der nicht durch Spiritualität oder Flucht erreicht wird, sondern durch Konfrontation mit den eigenen Schwächen. Stärke entsteht durch Schmerz, Disziplin und den Willen, sich ständig weiterzuentwickeln. Dieses philosophische Fundament prägt sämtliche Songs und verleiht dem Album eine ungewöhnliche inhaltliche Geschlossenheit.
Musikalisch setzt „Helios“ genau dort an, wo „Ethos“ aufgehört hat, erweitert den Klangkosmos aber deutlich. Atmosphärischer Black Metal bildet weiterhin das Fundament, doch die Band integriert heute wesentlich offensiver Elemente aus dem Death Metal. Schwere, beinahe erdrückende Riffs treffen auf rasende Blastbeats, während melodische Passagen immer wieder Raum zum Atmen schaffen. Gerade diese Dynamik macht den besonderen Reiz des Albums aus. Firtan verzichten darauf, permanent Höchstgeschwindigkeit zu fahren. Stattdessen entstehen Spannungsbögen, die den Hörer immer wieder überraschen.
Besonders beeindruckend ist erneut die Rolle der Violine. Klara Bachmair ist längst kein Gast mehr, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Bandsounds. Ihre akustische und elektrische Violine dient nicht bloß als atmosphärisches Beiwerk, sondern übernimmt häufig die melodische Führung. Gemeinsam mit analogen Synthesizern, akustischen Instrumenten und ritualistisch anmutenden Chören entstehen Klanglandschaften, die weit über klassischen Black Metal hinausgehen. Trotz aller Experimente wirkt nichts künstlich oder aufgesetzt. Jede zusätzliche Klangfarbe erfüllt einen klaren musikalischen Zweck.
Auch kompositorisch zeigt sich die Band äußerst vielseitig. Der Großteil der Musik stammt erneut aus der Feder von Phillip Thienger, während Gitarrist Christian Strobel mehrere Stücke beisteuerte und damit zusätzliche Akzente setzt. Diese Zusammenarbeit sorgt dafür, dass die Songs unterschiedliche Charaktere besitzen und dennoch wie aus einem Guss wirken. Besonders das abschließende „Shadows of a Dawn Unborn“, das gemeinsam mit Klara Bachmair entstand, entwickelt eine beeindruckende emotionale Tiefe und zählt zu den stärksten Momenten des Albums.
Für zusätzliche Abwechslung sorgen die ausgewählten Gastmusiker. James Dorton von Ne Obliviscaris und Black Crown Initiate verleiht „The Hierophant Way“ mit seinen markanten Vocals zusätzliche Intensität. Noch ungewöhnlicher fällt der Einsatz des Sopran-Saxophons von Christian Höll aus, das in „Shadows of a Dawn Unborn“ eine melancholische Atmosphäre erzeugt, ohne jemals deplatziert zu wirken. Solche Ideen zeigen, wie offen Firtan mittlerweile mit unterschiedlichsten Einflüssen umgehen.
Aufgenommen wurde „Helios“ erneut im Klangschmiede Studio E unter der Regie von Markus Stock, der seit Jahren als einer der wichtigsten Produzenten im europäischen Atmospheric Black Metal gilt. Seine Produktion verleiht dem Album enorme Transparenz. Selbst in den dichtesten Arrangements bleiben sämtliche Instrumente klar voneinander getrennt, während die rohe Kraft der Musik vollständig erhalten bleibt. Besonders die Balance zwischen den aggressiven Gitarren, den orchestralen Elementen und den filigranen Violinen gelingt hervorragend.
Auch optisch bleibt die Band ihrem hohen künstlerischen Anspruch treu. Das eindrucksvolle Coverfoto des renommierten Fotografen Luis González Palma unterstreicht den introspektiven Charakter des Albums und passt perfekt zur inhaltlichen Ausrichtung von „Helios“. Zusammen mit den Illustrationen und dem minimalistischen Layout entsteht ein stimmiges Gesamtkunstwerk.
Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung, die Firtan in den vergangenen Jahren genommen haben. Während viele Bands des Genres ihre musikalische Identität über festgelegte Stilmittel definieren, betrachten Firtan Black Metal heute vielmehr als Ausdrucksform denn als starres Regelwerk. In verschiedenen Gesprächen betonten die Musiker, dass sie keine Musik schreiben, um Erwartungen innerhalb einer Szene zu erfüllen. Stattdessen stehen Emotionen, Atmosphäre und das Erzählen einer Geschichte im Mittelpunkt. Genau diese Haltung macht „Helios“ so überzeugend.
Dabei fordert das Album seine Hörer durchaus heraus. Die komplexen Arrangements, die zahlreichen Stimmungswechsel und die dichte Atmosphäre erschließen sich nicht beim ersten Durchlauf vollständig. Mit jedem weiteren Hören offenbaren sich neue Details, versteckte Melodien und raffinierte Übergänge. Gerade darin liegt jedoch die große Stärke des Albums. „Helios“ ist kein Werk für den schnellen Konsum, sondern eine intensive Reise, die Zeit und Aufmerksamkeit belohnt.
Mit „Helios“ liefern Firtan nicht nur ihr bislang reifstes Album ab, sondern auch eines der stärksten Extreme-Metal-Werke des Jahres. Die Verbindung aus atmosphärischem Black Metal, brachialem Death Metal, progressivem Songwriting und außergewöhnlicher Instrumentierung wirkt jederzeit organisch und authentisch. Statt Trends hinterherzulaufen, haben Firtan endgültig ihren eigenen Stil gefunden und beweisen eindrucksvoll, dass anspruchsvoller Extreme Metal gleichzeitig emotional, philosophisch und mitreißend sein kann.
Albuminfo
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Punkte |
4/5 |
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Label |
AOP |
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Veröffentlichung |
10/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Deutschland |
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Genre |
Black Metal/Pagan Metal |
Tracklist
02. Kalikas Tongue 5:50
03. Ambrosia 6:27
04. Solis Currus 5:55
05. Ascension 7:09
06. Wide Open Eye 4:55
07. Helios 8:09
08. The Form Revealed 4:12
09. Revealing Prana 0:47
10. The Hierophant 11:43
11. Shadows of a Dawn Unborn 3:48
12. Man of Iron [Bathory cover] 3:33
