Wenn Archgoat die Hölle aufschliessen, dann nicht mit einem Schlüssel, sondern mit einem Vorschlaghammer. Seit 1989 hämmert das finnische Trio seinen primitiven, infernalischen Black/Death Metal in die Schädel der Menschheit, und auch nach mehr als drei Jahrzehnten hat sich an der grundsätzlichen Mission nichts geändert: Christianity must die. Fünf Jahre nach "Worship the Eternal Darkness" und vier Jahre nach der EP "All Christianity Ends" kehren die Finnen nun mit "Nightbringer, Lightbringer" zurück – und siehe da: Die alte Bestie hat nicht nur überlebt, sie hat sich ein paar neue Zähne wachsen lassen.

Archgoat waren nie eine Band, die sich um musikalische Weiterentwicklung im herkömmlichen Sinn bemüht hätte. Ihre Kunst besteht vielmehr darin, innerhalb eines scheinbar winzigen Koordinatensystems immer wieder neue Nuancen freizulegen. Rasender Black Metal, tiefgestimmtes Death-Metal-Grollen, primitive Thrash-Attacken, Punk-Wut und Grindcore-Verachtung werden zu einer schwarzen Ursuppe verrührt, aus der seit jeher etwas erstaunlich Eigenständiges quillt. "Nightbringer, Lightbringer" verändert dieses Rezept nicht grundlegend – aber es würzt es überraschend kräftig.

Schon der Titelsong macht klar, dass Archgoat keineswegs vorhaben, Altersmilde zu demonstrieren. Nach der kurzen Beschwörung des Openers "Invocation 666" bricht ein Inferno los, in dem stampfende Doublebass, sägende Gitarren und Angelslayers abgrundtiefe Vocals aufeinanderprallen. Das Stück besitzt jene herrlich primitive Wucht, die Archgoat seit jeher auszeichnet, gönnt sich aber mehr Brüche und Tempowechsel als man es von der Band gewohnt ist. Die Riffs scheinen bisweilen wie nach einer Explosion über den Boden verstreut und anschliessend notdürftig wieder zusammengenagelt worden zu sein. Gerade dadurch entsteht eine wunderbar chaotische Spannung.

Überhaupt ist "Nightbringer, Lightbringer" bemerkenswert experimentierfreudig. Keine Sorge: Archgoat werden nicht plötzlich Progressive Metal spielen. Aber dort, wo frühere Alben ihre Wirkung vor allem aus der konsequenten Wiederholung bewährter Elemente bezogen, tauchen diesmal immer wieder kleine Fremdkörper auf. Und diese Fremdkörper funktionieren erstaunlich gut.

In "Iconoclasm The Nazarene" etwa schiessen plötzlich höhere Schreie aus dem höllischen Grollen empor, während "Blood Of Jesus Spilling Upon The Earth" mit gesprochenen, beinahe beschwörenden Passagen arbeitet. Dazu kommen sphärische, hallende Akkorde, die zunächst ungewohnt wirken und gerade deshalb Aufmerksamkeit erregen. Archgoat bleiben dabei jederzeit erkennbar. Die Band öffnet lediglich ein paar Fenster in ihrem Kerker, ohne deshalb gleich auszuziehen.

Besonders interessant sind die Keyboards. Ja, richtig gelesen: Keyboards. Und nein, Archgoat haben nicht den Verstand verloren. Die gelegentlichen Pianolinien verleihen einigen Stücken eine geradezu morbide Ritualistik. "Reaper Of Christianity" etwa verbindet marschierende Riffs mit diesen düsteren Tasten, wodurch eine Atmosphäre entsteht, die irgendwo zwischen schwarzer Messe und vertonter Apokalypse angesiedelt ist. Für Puristen, die Archgoat am liebsten ausschliesslich mit maximaler Raserei serviert bekommen, dürfte das gewöhnungsbedürftig sein.

Gerade die langsameren Passagen sind überhaupt ein wesentlicher Bestandteil des Albums. "Nightbringer, Lightbringer" ist im Durchschnitt weniger hektisch als manche seiner Vorgänger. Das verlagert die Wirkung von der unmittelbaren Gewalt stärker hin zu Bedrohlichkeit und Ritual. Archgoat wollen diesmal nicht permanent auf den Hörer einschlagen. Manchmal stellen sie sich einfach vor ihn und warten.

Das funktioniert nicht immer gleich gut. "The Dawn To Armageddon" ist zwar ein starkes Stück mit hypnotischen Midtempo-Riffs und düsteren Keyboardflächen, doch so früh auf dem Album nimmt es dem Gesamtwerk zunächst etwas Schwung. Die Atmosphäre erinnert stellenweise sogar an frühe Samael – eine bemerkenswerte Abzweigung für eine Band, die ansonsten eher mit dem Vorschlaghammer durch ihre eigene musikalische Hölle pflügt.

Danach findet "Nightbringer, Lightbringer" jedoch wieder zu seiner ursprünglichen Bösartigkeit zurück. "The Light Behind The Horns" bringt die nötige punkige Raserei zurück, während "Keys Of Hell And Of Death" in seinem Finale für einen der wohl ungewöhnlichsten Momente der gesamten Archgoat-Diskografie sorgt. Was sich dort entfaltet, ist beinahe melodisch. Nicht im Sinne von plötzlich freundlichen Harmonien und Sonnenaufgang über Helsinki, sondern tatsächlich als erstaunlich ausgearbeitete, atmosphärische Melodie. Für Archgoat-Verhältnisse ist das geradezu revolutionär.

Und dann kommt "Reaper Of Christianity", bevor das abschliessende "Obsidian Reflection Of Anti-Light" noch einmal sämtliche Ketten sprengt. Hier darf die Band wieder wüten, rasen und stampfen, als hätte Satan persönlich den Startknopf gedrückt. Gerade diese Rückkehr zur rohen Gewalt zeigt, dass die neuen Elemente nicht als Selbstzweck eingebaut wurden. Archgoat wissen weiterhin sehr genau, wo ihre eigentliche Stärke liegt.

Auch die Produktion verdient Erwähnung. Aufgenommen wurde Anfang 2026 im Malmi Dungeon unter der Leitung von Teemu Velin. Der Klang ist klarer und differenzierter, ohne die notwendige Dreckschicht abzuschütteln. Gitarren, Bass, Schlagzeug und die zusätzlichen atmosphärischen Elemente sind besser voneinander zu unterscheiden, wodurch gerade die ungewöhnlicheren Details zur Geltung kommen. Trotzdem klingt das Album niemals geschniegelt. Es bleibt schmutzig, wuchtig und bedrohlich.

Thematisch gibt es ohnehin keine Zweifel, wohin die Reise geht. "Nightbringer, Lightbringer" erzählt von der Vernichtung des Christentums und einer neuen satanischen Morgendämmerung. Das ist bei Archgoat keine überraschende Wendung, sondern vielmehr die Fortsetzung einer Obsession, die ihre gesamte Karriere durchzieht. Entscheidend ist, dass die Band ihre Blasphemie nicht als theatrale Pose behandelt. Sie gehört zur Identität von Archgoat wie die tiefen Vocals, die stampfenden Riffs und das ewige Knurren aus den Tiefen der finnischen Finsternis.

Nach dem etwas gleichförmigen "Worship the Eternal Darkness" ist "Nightbringer, Lightbringer" deshalb eine erfreuliche Überraschung. Archgoat bleiben Archgoat – aber sie erlauben sich mehr. Mehr Atmosphäre, mehr Dynamik, mehr Melodie und sogar ein paar Experimente. Gleichzeitig verzichten sie auf die Versuchung, ihre Essenz zugunsten irgendeiner vermeintlichen Weiterentwicklung zu opfern.

Das ist vermutlich die richtige Entscheidung. Denn am Ende braucht niemand Archgoat als progressive Avantgarde. Die Welt braucht Archgoat als Archgoat.

Und genau das bekommt sie hier: eine satanische Stampede, die tief aus den Eingeweiden der ersten Black-Metal-Generation kommt, aber noch immer genügend Feuer besitzt, um die Gegenwart anzuzünden. "Nightbringer, Lightbringer" ist nicht einfach ein weiteres Album einer alten Band. Es ist der Beweis, dass selbst eine seit Jahrzehnten festgezurrte musikalische Formel noch Blut, Schwefel und Überraschungen hervorbringen kann.

 

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Debemur Morti

Veröffentlichung

 

09/2026

Format

 

CD

Land

 

Finnland

Genre

 

Death Metal/Black Metal

 

Tracklist

01. Invocation 666
02. Nightbringer, Lightbringer
03. The Dawn To Armageddon
04. Iconoclasm The Nazarene
05. Blood Of Jesus Spilling Upon The Earth
06. The Stygian Millenium
07. Invocation 999
08. Keys Of Hell And Of Death
09. The Light Behind The Horns
10. Reaper Of Christianity
11. Obsidian Reflection Of Anti-Light