Es muss ein denkwürdiger Moment im Proberaum gewesen sein. Vier Musiker sitzen zusammen, blicken auf ihr gerade einmal ein Jahr altes Album und stellen sich die entscheidende Frage: Wie lässt sich ein durchschnittliches Album noch durchschnittlicher machen? Die Antwort liegt auf der Hand: Man nehme "Innern", entferne den Gesang und veröffentliche das Ganze einfach noch einmal.
Herzlich willkommen bei "Innern (Instrumental)".
Nun kann man natürlich argumentieren, dass eine instrumentale Fassung interessante neue Perspektiven eröffnet. Dass plötzlich die filigrane Architektur der Kompositionen sichtbar wird, dass Gitarren, Bass und Schlagzeug stärker in den Vordergrund treten und sich bislang überhörte Details offenbaren. Genau das behauptet jedenfalls der Waschzettel. Von einer "neuen Route" durch das Material ist die Rede, von freigelegten Strukturen und kompositorischen Schichten. Chopin und Arvo Pärt werden bemüht, als müsste man nur genügend grosse Namen auf ein Begleitschreiben drucken, damit aus einer Wiederveröffentlichung plötzlich ein künstlerisches Ereignis wird.
Nur: Ein Stück Musik wird nicht automatisch interessanter, wenn man einen Bestandteil davon entfernt.
Bei "Innern" war der Gesang bereits kein Detail, das irgendwo dekorativ über der Musik schwebte. Nun wird er einfach herausoperiert und das Ergebnis als eigenständige Veröffentlichung präsentiert. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem mittelmässigen Film sämtliche Dialoge löschen und anschliessend verkünden, jetzt könne man endlich die Kameraführung richtig würdigen.
Tatsächlich fällt vor allem auf, wie viel Gewicht zuvor auf den Gesang gelegt wurde. Ohne ihn stehen die Kompositionen plötzlich ziemlich nackt im Raum. Die Gitarren von Rausch und Kamprad dürfen sich gegenseitig umkreisen, Noruspur zupft seinen Bass, Schuler bearbeitet das Schlagzeug – alles zweifellos kompetent gespielt. Aber technische Kompetenz und zwingende Kreativität sind nun einmal zwei verschiedene Dinge.
Und genau hier liegt das eigentliche Problem.
Der Weg einer Freiheit war einmal eine Formation, bei der man aufmerksam hinhörte. Die Band besass eine eigene Sprache, entwickelte ihren Black Metal weiter und konnte sich zumindest den Luxus leisten, nicht jede Veröffentlichung mit einem Marketingargument rechtfertigen zu müssen. Heute wirkt "Innern (Instrumental)" dagegen wie die kreative Variante eines leeren Kühlschranks: Man öffnet ihn, findet nichts Neues und stellt ihn trotzdem noch einmal zurück.
Besonders köstlich ist die Behauptung, diese Version lege nun die "Architektur" des Albums offen. Ja, selbstverständlich. Wenn man den Gesang entfernt, hört man die Instrumente besser. Wenn man die Gitarren entfernt, hört man den Bass besser. Wenn man anschliessend den Bass entfernt, hört man das Schlagzeug besser. Und wenn man das Schlagzeug ebenfalls weglässt, ist endlich die vollkommene Essenz des Albums erreicht: Stille.
Vielleicht ist das sogar die grosse Vision hinter diesem Projekt.
Andere Magazine mögen sich über eine solche Veröffentlichung freuen. Offenbar genügt inzwischen schon die Ankündigung "bekanntes Album, diesmal ohne Gesang", um Begeisterungsstürme auszulösen. Das zeugt weniger von der revolutionären Qualität dieser Neuauflage als vom erstaunlichen Mangel an Urteilsvermögen im Umgang mit Musik. Nicht jede neue Version ist automatisch eine neue Perspektive. Manchmal ist sie einfach eine neue Version.
Und "Innern (Instrumental)" ist genau das.
Ein Jahr nach dem ursprünglichen Album noch einmal sechs Stücke digital auf den Markt zu werfen, diesmal ohne die Stimme von Nikita Kamprad und mit dezent anderem Cover, hat mit künstlerischer Notwendigkeit jedenfalls wenig zu tun. "Kreativitätspause" wäre noch eine freundliche Bezeichnung. Ausverkauf einer Kreativitätspause muss es genannt werden.
Dabei wäre gegen eine echte instrumentale Neuinterpretation überhaupt nichts einzuwenden gewesen. Neue Arrangements, zusätzliche Passagen, andere Spannungsbögen, vielleicht tatsächlich eine radikale Neubearbeitung der Stücke – all das hätte einen Sinn ergeben. Stattdessen bekommt man sechs bereits bekannte Kompositionen ohne eines ihrer wesentlichen Elemente.
Das ist keine Neuinterpretation.
Das ist die musikalische Version von "Bitte noch einmal, aber diesmal ohne Käse".
Und irgendwann stellt sich die Frage, wie weit eine ehemals respektable Formation bereit ist, ihre eigene Kreativität in kleine digitale Häppchen zu zerlegen. Der Weg einer Freiheit war einmal eine Band, von der man etwas erwarten durfte. "Innern (Instrumental)" lässt dagegen den unangenehmen Eindruck entstehen, dass hier nicht mehr die Musik entscheidet, sondern die Möglichkeit, aus vorhandener Musik noch irgendein Produkt zu machen.
Aus einer respektablen Formation wurde damit – zumindest in diesem Moment – Sperrgut.
Man munkelt schon über die nächste Version des Albums: diesmal ohne Gitarren.
Albuminfo
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Punkte |
2/5 |
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Label |
Season of Mist |
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Veröffentlichung |
09/2026 |
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Format |
CD |
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Land |
Deutschland |
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Genre |
Post Metal/Black Metal |
Tracklist
1. Marter (Instrumental)
2. Xibalba (Instrumental)
3. Eos (Instrumental)
4. Fragment (Instrumental)
5. Finisterre III (Instrumental)
6. Forlorn (Instrumental)
