Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Bei Windswept steckt er allerdings eher im Wald. Tief zwischen ukrainischen Fichten, in den Geschichten Gogols und in jenen alten Dämonen, die nicht aufhören wollen, unter der Oberfläche der Welt zu lauern. Roman Saenko braucht dafür keine grossen Gesten. Wo andere Bands ganze Mythologien auftürmen, genügt ihm ein Riff, ein eisiger Akkord und dieser eigentümliche, hypnotische Sog, der Windswept seit jeher auszeichnet.

Mit "A Sign of the Cloven Hoof" legt Saenkos Nebenprojekt, das natürlich längst weit mehr als ein Nebenprojekt ist, sein viertes Album vor. Und einmal mehr zeigt sich, warum der Mann hinter Drudkh und Hate Forest zu den eigenwilligsten Gestalten des ukrainischen Black Metal gehört. Windswept ist Black Metal in seiner konzentriertesten Form: keine dekorativen Umwege, kein überflüssiges Ornament, keine hektische Suche nach dem nächsten vermeintlichen Innovationsschritt. Stattdessen wird eine Idee genommen und so lange erhitzt, bis sie glüht.

Inhaltlich schöpft das Album aus der ukrainischen Dämonologie und den frühen Erzählungen Mykola Gogols. Das passt hervorragend zu Saenkos Musik. Gogols Welt war bevölkert von sonderbaren Gestalten, Aberglauben, nächtlichen Erscheinungen und einem Grauen, das sich gerne hinter dem Alltäglichen versteckt. Genau diese Atmosphäre transportiert "A Sign of the Cloven Hoof": Es ist keine plakative Horrorkulisse, sondern eine Landschaft, in der man irgendwann bemerkt, dass zwischen den Bäumen etwas steht, das dort nicht stehen sollte.

Musikalisch bleibt Windswept seinem eingeschlagenen Weg kompromisslos treu. Saenkos Gitarrenarbeit basiert auf jenen repetitiven, fast tranceartigen Riffs, die weniger auf klassische Songdramaturgie als auf Sogwirkung setzen. Doch diesmal wird dieses Prinzip weiter ausgereizt. Zwei der Stücke überschreiten die Zehn-Minuten-Marke, und insbesondere der elfminütige Auftakt "Behind the Masks of Piety" zeigt, wie viel Leben in einer scheinbar so reduzierten musikalischen Sprache stecken kann.

Der Song beginnt mit jener vertrauten eisigen Strenge, doch irgendwann verändert sich die Perspektive. Die Musik nimmt Geschwindigkeit heraus, wird entrückter und beinahe schmerzlich melancholisch. Gerade diese zweite Hälfte ist bemerkenswert, weil Windswept hier nicht einfach lauter oder schneller werden müssen, um Intensität zu erzeugen. Im Gegenteil: Die Entschleunigung verstärkt die Wirkung. Plötzlich wirkt das vorherige Rasen nicht mehr wie die eigentliche Aussage, sondern wie der Weg zu einem dunkleren Ort.

Überhaupt besitzt "A Sign of the Cloven Hoof" eine erstaunliche innere Dynamik. Auf dem Papier scheint die Musik beinahe statisch. In der Praxis verschieben sich Stimmung, Temperatur und emotionale Gewichtung ständig. Das ist die grosse Kunst von Windswept: Saenko verändert nicht unbedingt das Vokabular, sondern die Bedeutung einzelner Bestandteile. Ein Riff, das zunächst wie pure Kälte erscheint, kann nach einigen Minuten plötzlich etwas Trauriges, Erhabenes oder Bedrohliches bekommen.

Dabei bleibt die Musik von einer fast eisernen Askese geprägt. Windswept sind keine Band für Freunde grosser Gesten. Selbst die feurigeren Passagen wirken kontrolliert, fast stoisch. Die Intensität entsteht nicht aus einem Übermass, sondern aus Konzentration. Jeder Schlag, jedes Riff und jeder Übergang scheint genau dort zu sitzen, wo er hingehört.

Das macht "A Sign of the Cloven Hoof" zu einem Album, das sich wohltuend gegen den heutigen Zwang zur permanenten Veränderung stellt. Saenko muss nicht beweisen, dass Windswept anders klingen können. Er beweist vielmehr, wie tief man in einen eigenen Stil eindringen kann, ohne darin zu ersticken. Die Band bleibt streng, aber nicht starr; repetitiv, aber nicht monoton; reduziert, aber keineswegs eindimensional.

Auch die vergleichsweise lebhaftere Gestaltung einzelner Passagen verändert daran nichts. Wo die Musik plötzlich Fahrt aufnimmt und sich die Gitarren mit grösserer Wucht nach vorne schieben, bleibt der grundsätzliche Charakter erhalten. Es ist immer noch dieselbe kalte Welt, nur zieht darin plötzlich ein Sturm auf.

Besonders stark ist dabei die Balance zwischen Rohheit und kompositorischer Kontrolle. "A Sign of the Cloven Hoof" wirkt nicht überproduziert und schon gar nicht geschniegelt. Gleichzeitig ist jeder Teil der Musik bewusst gesetzt. Diese Kombination verleiht dem Album seine eigentümliche Autorität. Windswept wollen nicht gefallen. Sie wollen auch nicht erschrecken. Sie stehen einfach da – wie ein schwarzer Monolith in einer verschneiten Landschaft – und lassen den Hörer selbst entscheiden, wie lange er davor stehen möchte.

Und vielleicht ist genau das Saenkos grösste Stärke. Er besitzt eine musikalische Handschrift, die man innerhalb weniger Sekunden erkennt, ohne dass sie dadurch verbraucht klingt. Drudkh, Hate Forest und Windswept mögen unterschiedliche Ausprägungen seines Schaffens sein, doch überall ist dieses Gespür für Wiederholung, Atmosphäre und die Kraft des Unausgesprochenen spürbar.

"A Sign of the Cloven Hoof" erweitert diese Sprache nicht durch einen radikalen Stilbruch. Es erweitert sie durch Tiefe. Die längeren Stücke eröffnen neue Räume, die ruhigeren Passagen besitzen mehr emotionales Gewicht, und die scheinbar simplen Strukturen offenbaren bei wiederholtem Hören immer mehr Schichten.

Das Album trägt seinen Titel deshalb vollkommen zu Recht. Der gespaltene Huf ist hier kein plakatives Symbol, das einem sofort ins Gesicht springt. Er ist eine Spur im Schnee. Man sieht sie erst, wenn man weiss, wonach man suchen muss.

Windswept wissen genau, wonach sie suchen.

Und mit "A Sign of the Cloven Hoof" haben sie eine ihrer stärksten Beschwörungen daraus gemacht.

 

Albuminfo

Punkte

 

3/5

Label

 

Primitive Reaction

Veröffentlichung

 

09/2026

Format

 

CD

Land

 

Ukraine

Genre

 

Black Metal

 

Tracklist

01. Behind the Masks of Piety
02. Goat-footed 
03. Buried Face Down 
04. Thieves of the Stars
05. Towards the Abandoned Church