Es gibt Verluste, die man begraben kann. Einen Menschen. Ein Haus. Einen Wald, der gefällt wurde. Und es gibt jene Verluste, die sich nicht begraben lassen, weil sie mit jedem Schritt unter unseren Füssen weiter verschwinden: eine Sprache, die niemand mehr spricht, ein Tier, dessen Name irgendwann nur noch im Archiv steht, ein Lied, dessen Melodie stirbt, wenn der letzte Mensch verstummt, der es noch kennt. „Call“ von Urisk ist ein Album über genau diesen Augenblick – und über die Weigerung, ihn einfach hinzunehmen.

Denn „Call“ ist ein wunderschönes kleines sprachliches Ungeheuer. Im Schottisch-Gälischen bedeutet call Verlust, im Englischen wird daraus der Ruf. Zwei Bedeutungen, die sich auf diesem Album nicht gegenüberstehen, sondern ineinander verbeissen. Der Verlust ruft. Das Verstummte ruft. Die verschwundene Wildnis ruft aus ihren Gräbern. Und Urisk antworten.

Was Benedikt Brixius und Marleen Bügener hier veranstalten, ist deshalb weit mehr als atmosphärischer Black Metal mit keltischem Zierrat. Seit der Gründung von Urisk im Jahr 2023 haben die beiden mit bemerkenswerter Geschwindigkeit ihre eigene Sprache entwickelt: Aus dem zunächst spontan entstandenen Projekt ist innerhalb kürzester Zeit eine Formation geworden, die zwischen rasender Schwärze, progressiver Verschachtelung, Doom-Schwere und beinahe entrückter Folklore ihren ganz eigenen Pfad durch den Nebel schlägt. Auf „Shrivelling Lights“ war dieser Pfad bereits deutlich sichtbar. „Call“ macht ihn breiter – und führt zugleich tiefer in den Wald.

Tiefer in den Wald bedeutet bei Urisk allerdings nicht, ein paar Flöten über Black Metal zu legen und „keltisch“ daraufzuschreiben. Das wäre ungefähr so, als würde man einen ausgestopften Wolf neben einen Baum stellen und behaupten, man habe die Wildnis gerettet.

Urisk wollen etwas anderes.

Sie interessieren sich für das, was verloren geht, wenn Landschaft nicht mehr als Landschaft, sondern nur noch als Ressource betrachtet wird. Für die Entfremdung zwischen Mensch und dem sogenannten „Mehr-als-Menschlichen“. Für eine Welt, in der Wälder, Tiere, Meere und Sprachen gleichermaßen zu Dingen werden, die man verwaltet, vermisst, katalogisiert und irgendwann ersetzt. Und genau deshalb funktioniert das Schottisch-Gälische auf „Call“ so gut: Es ist keine folkloristische Verzierung, sondern eine lebendige Erinnerung daran, dass Wirklichkeit immer auch aus Worten besteht.

Bereits das kurze „Ro-Ràdh: Air Chall 's Gruama“ wirkt wie das Öffnen einer alten Tür. Kein pathetisches Intro, sondern ein dunkler Atemzug, bevor „Uprooting“ mit seinen Gitarren in den Boden greift. Der Titel sagt bereits alles: Entwurzelung. Und genau so klingt das Stück. Die Musik schwankt zwischen Aufbruch und dem verzweifelten Versuch, irgendwo Halt zu finden. Brixius baut seine Gitarren nicht einfach zu einer Wall of Sound auf; er schichtet sie wie Sedimente. Darunter arbeitet der Bass, darüber kreischt und klagt Bügener, und irgendwo zwischen den Ebenen lauert immer wieder diese progressive Ader, die verhindert, dass Urisk in die bequeme Geradlinigkeit des Atmospheric Black Metal abrutschen.

Brixius kommt ursprünglich aus dem Prog Metal, und das hört man. Allerdings nicht in Form technischer Zirkusnummern. Die Komplexität steckt in den Bewegungen der Stücke. Riffs werden nicht einfach wiederholt, sondern verwandeln sich. Tempi und Stimmungen verschieben sich. Ein Moment, der eben noch nach melancholischem Folk klang, kann plötzlich von einem schwarzen Sturm zerfetzt werden.

Und dann ist da Marleen Bügener.

Was diese Frau mit ihrer Stimme anstellt, grenzt stellenweise an Besessenheit. Ihre Schreie haben nichts Dekoratives. Sie kreischen nicht einfach „Black Metal“, sie klingen wie Stimmen, die aus einem Ort kommen, an dem Sprache bereits zerfällt. Gleichzeitig besitzt Bügener eine völlig andere Seite: klare, zerbrechliche Gesangslinien, die beinahe wie traditionelle Folk-Melodien wirken. Gerade dieser Gegensatz macht Urisk so stark. Wenn aus demselben Mund erst ein gequältes Kreischen bricht und kurz darauf eine beinahe geisterhafte, zarte Melodie aufsteigt, bekommt das Wort „Verlust“ plötzlich eine menschliche Stimme.

„Jaws of Dawn“ ist dabei vielleicht der unmittelbarste Moment des Albums. Das Stück besitzt eine gewisse Zugänglichkeit, ohne sich anzubiedern, und zeigt, dass Urisk durchaus wissen, wie man einen musikalischen Haken schlägt. Aber der eigentliche Reiz liegt weiterhin in den langen Stücken, in den Zwischenräumen und den kleinen Verschiebungen.

„The Hauled and the Waif“ ist dafür exemplarisch. Fast zehn Minuten lang wird hier eine verletzte Welt beschworen. Das Meer ist kein romantisches Postkartenmotiv, sondern ein sterbender Organismus. Verschwundene Arten, Ausbeutung und die Verstümmelung des sogenannten Mehr-als-Menschlichen finden in den Gitarren ihre Entsprechung. Zunächst schleppen sich die Riffs schwer und melancholisch dahin, bevor Urisk irgendwann die Ketten sprengen und in einen rasenden post-black-metallischen Sturm ausbrechen.

Das ist keine musikalische Illustration eines Naturfilms.

Es ist eher der Soundtrack dazu, wie der Naturfilm verbrennt.

Besonders eindrucksvoll ist „Night Call: To You Who Lie Buried Face to the Ground“. Schon der Titel klingt wie eine Nachricht, die jemand nachts an die Toten schickt, wohl wissend, dass keine Antwort kommen wird. Hier lässt die Band den Lärm immer wieder zurücktreten und schafft Raum für jene melancholischen, fast zeremoniellen Momente, in denen Akkordeon und schimmernde Klangflächen auftauchen. Doch selbst diese Schönheit besitzt etwas Unheimliches. Sie wirkt nicht wie Trost, sondern wie die Erinnerung an einen Trost, den es einmal gegeben haben könnte.

Und dann kommt „A' Choille Ghruamach“ – der düstere Wald.

Natürlich.

Wo sonst sollte dieses Album landen?

Nach all dem Verlust führt der Weg nicht aus der Wildnis heraus, sondern tiefer hinein. „A' Choille Ghruamach“ funktioniert wie eine Schwelle zum letzten Stück, „Fògrach // Spirit Flight“. Und hier zeigen Urisk vielleicht am deutlichsten, worum es ihnen eigentlich geht. Der Song wird vollständig beziehungsweise wesentlich vom Schottisch-Gälischen getragen und verbindet die sprachliche Dimension des Albums mit seiner musikalischen. Plötzlich ist die Sprache selbst Teil der Atmosphäre. Nicht Übersetzung, nicht Dekoration, sondern Klangkörper.

Das ist wichtig, denn Urisk betreiben keine romantische Flucht in irgendeine vermeintlich heile Vergangenheit. Ihr Verhältnis zum Antimodernen ist komplizierter. Sie sehnen sich nach Verbindung, nicht nach Rückkehr zu einem historischen Idealzustand. Sie beschwören die Wildnis, ohne sie zu verklären. Und sie sprechen über Verlust, ohne sich im Verlust einzurichten.

Denn unter dem Schwarz liegt Hoffnung.

Eine sehr kleine, sehr widerspenstige Hoffnung.

„Call“ ist kein Album, das behauptet, man könne den gefällten Wald einfach wieder anpflanzen und damit sei alles gut. Dafür ist seine Trauer zu tief. Aber es glaubt daran, dass Erinnerung eine Form des Widerstands sein kann. Dass eine Sprache nicht völlig verschwindet, solange sie gesprochen wird. Dass ein Lied nicht tot ist, solange es jemand singt. Dass der Blick auf die Welt sich verändern kann, wenn wir aufhören, alles nur nach seinem Nutzen zu beurteilen.

Und so wird aus dem schottischen call, dem Verlust, langsam der englische call, der Ruf.

Eine Beschwörung.

Ein Aufschrei.

Vielleicht sogar ein Gebet.

Musikalisch sind Urisk dabei längst keine Anfänger mehr, auch wenn die Bandgeschichte kaum drei Jahre zurückreicht. Nach Demo, Debüt und weiteren Veröffentlichungen kommt „Call“ erstaunlich geschlossen daher. Die Produktion ist grösser geworden, ohne die DIY-Wurzeln völlig abzuschütteln, und die Gitarren besitzen nun jene gewaltige Breite, die den Songs ihre monumentale Wirkung verleiht. Gleichzeitig bleibt genug Rauheit erhalten, damit die Musik nicht in Hochglanz erstickt.

Und genau darin liegt die eigentliche Überraschung dieses Albums: Urisk sind jung, aber „Call“ klingt nicht jung.

Es klingt wie etwas, das bereits lange unter der Erde gelegen hat.

Wie ein altes Stück Holz, das man aus einem Moor zieht und dessen Maserung noch immer von Händen erzählt, die längst zu Staub geworden sind.

Wie eine Sprache, die man fast vergessen hätte.

Wie der Schrei eines Tieres, dessen Art niemand mehr kennt.

Wie ein Wald in der Nacht, kurz bevor der erste Mensch auftaucht.

Und vielleicht ist das die schönste Idee hinter „Call“: Dass Verlust nicht zwangsläufig das Ende bedeutet. Manchmal ist Verlust der Moment, in dem man überhaupt erst anfängt zu hören.

Urisk rufen.

Die Frage ist nur, ob wir noch wissen, wie man antwortet.

 

Albuminfo

Punkte

 

4/5

Label

 

Vendetta

Veröffentlichung

 

10/2026

Format

 

CD

Land

 

Deutschland

Genre

 

Black Metal

 

Tracklist

1. Ro-Ràdh: Air Chall 's Gruama
2. Uprooting
3. Jaws of Dawn
4. The Hauled and the Waif
5. Night Call: To You Who Lie Buried Face to the Ground
6. A' Choille Ghruamach
7. Fograch // Spirit Flight